„Ohne Liebe isses nur Dreck“

Liedermacher Georg Ringsgwandl stellte im KulturForum Kiel seine neue CD „Woanders“ vor

Georg Ringsgwandl im Kulturforum
Georg Ringsgwandl im Kulturforum, rechts Gitarrist Daniel Stelter

Foto: Björn Schaller

11.Dezember 2016. Volles Haus, Vorfreude groß. „Moin Moin“ entfährt es Georg Ringsgwandl, sichtlich erfreut, mal wieder im hohen Norden zu sein. Tja, Kiel. Intellektuell werde das Konzert ja sicher kein Problem, aber der Dialekt? „Nehmen’s des wie a englisches Popkonzert“ empfiehlt der 68jährige schmunzelnd. Ein Schmarrn angesichts der Tatsache, dass die großteils ergraute Gemeinde kommt, um dem Bayern nicht nur an der Gitarre, sondern vor allem an der Mundart zu hängen. Und diese seine Lippen lassen den Dialekt weniger derb als angenehm weich und zärtlich herausperlen.

Georg Ringsgwandl, Bad Reichenhaller Postbotensohn, den es aus der Enge Oberbayerns zum Medizinstudium 1971-1975 nach Kiel verschlug und der den Arztberuf (Fachgebiet: Herz) mit 45 Jahren an den Nagel hängte, um nur noch Musik und Kabarett zu machen, ist mit Preisen überhäuft und in vieler Hinsicht gefeiert worden.

Wer ihn bisher nicht erlebt hat und mit der Fernseh-Doku „Dahoam is net dahoam“ (BR 4.12.) einen Einblick in seinen Kosmos bekam, konnte am im voll besetzten Kieler Kulturforum einen sausympathischen Mann erleben, dessen größte Gabe wahrhaftig das Geschichtenerzählen ist.

Die Einladung “Sitz de her, sei mei Freind“ von 1973 als Opener, schwadroniert er schnell über Lautverschiebungen („mecht der Schorsch die Zither spuin?“) und verwurstet im Folgenden Ansagen, Anekdoten und Assoziationen zu einem famosen Kopfkino voll der Groteske menschlichen Tuns. Nein, das ist keine Märchenonkeladventskeksgabe. Das ist Geschichte als Vergangenheitsbericht und auch und vor allem kabarettistisch-melancholische Gegenwartsbewältigung. Wie war es, als der Holzknecht mit dem Schlitten zu scharf gebremst hat? Wie kam er als Bub zu seiner Zither, mit der er dank der spendablen Tante das ersehnte Klavier kompensierte? Wie verschroben sind Leute und wie fix kann Ringswandl aus dem Nichts in bildhafte Schilderungen gehen, in der dieser Dialekt dramatisches Element und Katapult in fremde Gefilde sind? Doch so fremd nun auch wieder nicht: Dorf-Verschandelung durch Gewerbegebiete, Geschäftemacher und Geheimniskrämer, Beziehungsspirenzien und Jammertaljodeln, alles kennt man überall und bei dem im Wortsinne EHR-lich mit Heimatcouleur agierenden Liedermacher wird klar: Das persönliche ist so poetisch wie politisch. Und Kunst ist, wenn es über sich selbst hinausweist.

Diesem Geschichten-Nachhall mittels Musik und hervorragenden Texten ein Gesicht zu geben, gelingt Georg Ringsgwandl an der feinen Akustikgitarre und andächtig gezupften Zither mit seinen fantastischen Begleitern aufs Formidabelste. Die drei gefragten Studiomusiker sind einfühlsamst-virtuose Zuarbeiter. Mit Frikkel-König Daniel Stelter an E-Gitarre und Mandoline regiert Wuah-Wuah-Wehmut und Minimalismus, im Uptempo Folk, Rhythm’and Blues und Westernanklängen sowie später feinster Rock’n Roll nebst figelienschen elektronischen Verzerrern. Tommy Baldu grimassiert am Schlagzeug in hochkonzentriertem Paralleluniversum aus sensiblem Shuffle, Streichelbesen, Trommel und Tambourin, Christian Diener unterlegt das ganze mit amüsiert-routiniertem Understatement am Kontrabass.

Worum geht es? Um Idyllen, um Besitz und Gier, Verlust und Vergänglichkeit. Um das gute Leben, das man (zu behalten) sich wünscht. Um Liebe („Dawischt“) und flüchtige Momente. Um windige Gestalten und ihre Karrieren („Krattla von Minga“). Um Pseudo- Beschwerden („So wie es ist, ist’s furchtbar, doch anders darf’s nicht sein“). Um das, worum es eigentlich geht. Die Wurscht. Das Wünschen im walzernden Liebesweh („Die Schokoladenfee“), das Verwünschen von Gewerbegebieten, die Dörfer nicht schöner, sondern „schiacher“ machen, um handfeste Landfrauen („Die Spargelkönigin“) und solche, die lieber abhauen aus dem „Hinten“ in der „Oberpfalz“.

woanders_front

http://www.blankomusik.de

Das Bayerische mag aus hiesiger Sicht für’s klischeehaft Urwüchsige, für Bergweltkitsch und Zünftigkeit stehen. Es ist aber auch ganz unironisch die Heimat für Georg Ringsgwandl, aus der er mal floh und von der er geprägt ist, in die er (nach Murnau) zurückkehrte und aus der er stellvertretend für andere Weltflecken unser aller Zerrissenheit zwischen Beschaulichkeit und Veränderungsangst aufzeigt.

Und den städtischen Spießer in uns aufspürt, der sich darüber erhaben wähnt.

Wenn Ringsgwandl, der große Schlacks mit Jeansjacke und Ratpack-Hütchen die Bühne im zweiten Teil im hellen Grandseigneur-Anzug betritt, spielt er mit Klamottencodes des Musikbusiness ebenso wie er sich als würdevoller Vertreter alter Schule erweist.

Vor allem aber stellt er sich als Barde in einen theatralen Kontext aus Vorbildern, Geistern und Gestalten, die er inklusive seiner selbst auf die Schippe nimmt. Wem die Aktionen eingedenk einstiger Aktivitäten als „Gurkenkönig“ in Hutperücken und grell geschminktem Gesicht oder der Pharaonenhaften Streifenshorts auf dem Kopf zu „altersmilde“ und zuwenig krachledern kritisch sind, darf sich fragen lassen, was daran so schlimm wäre.

Wenn er die langen Arme in der Fermate zu elfenhaften Ballett-Gesten ausstreckt und die Stücke mit zartem Schritt zu tiefer Verbeugung beendet, schwingt neben dem selbstironischen Spott für alle Rampensäue, für die Eitlen und Schönen dieser Welt eine hinreißende Demut und fast schüchterne Bescheidenheit mit. Die ihn aber nicht daran hindert, belustigt Liegestütze in den Applaus zu legen. Katholisch irgendwie und komisch, natürlich. Das muss reichen als Anarchie.

Die ihm laut eigener Aussage so wichtige „Authentizität“ auf der Bühne muss keineswegs leiden, wenn er dann doch mit blonder Perücke an den Flügel schleicht, um sich in bester Helge-Schneider-Manier und hoher Stimme seinen Hit „Hühnerarsch, sei wachsam“ aus dem verschwörerisch gebeugten Kreuz zu leiern, das er als großartige Persiflage auf unser paranoides Schissertum herunterbetet zwischen querschlagendem Wurzelchakra und Big Data-Panik. Nicht allein aus Freude an stimmverstellter Travestie, sondern um im Tarngewand die Bigotterie unserer speckmadigen Jammerei zu spiegeln. Und so, wie er hier als Mahner aus zwei entgegengesetzten Hörnern trötet, kommt auch der subtile Titelsong der neuen CD daher. Zur heimeligen Zither geht es mit wehmütig schleppendem Gesang zur aktuellen Sache: „Woanders foin de Baam um/woanders geht da Sturm/woanders fliagt des Doch davo/aber net bei uns dahoam./Woanders ham’s koa Arbat/woanders wird wer krank/woanders sprengt se wer in de Luft/doch bei uns net/Gott sei Dank/Woanders, do werd gschwindlt/woanders,do werd gschmiert/mir brauchan koa schlechtes Gwissn haben/bei uns is ois so, wias ghärt“

Meisterhaft unterläuft Ringsgwandl die Erwartung an ein „Woanders“ im Sinne eines Sehnsuchtsortes, an das Liedermacher-Klischée im Sinne einer „heute hier, morgen dort“ -Romantik à la Hannes-Wader und feiert doppelbödig die deutsche „Uns geht’s ja noch Gold“ – Tagesschau-Gemütlichkeit: Als unter die Haut gehender Psychologe, der unsere Projektionen auch noch mit schunkelndem Verständnis aus der Wir-Perspektive kredenzt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Die Schrullen sind in uns, da braucht’s keinen Schrillen als Clown. Mit dem daraus natürlich folgenden Fingerzeig an die eigene Brust erweist sich der Mann dann aber nicht nur als Menschenkenner, sondern immer und vor allem ihr versöhnlicher Freund. Jemand, der weiß, dass Reichtum nichts ist und Menschlichkeit alles. So einfach ist es:

„Ohne Liebe isses nur Dreck“.

Wohl keiner, den es nach diesen drei Stunden musikalischer und menschlicher Grandezza nicht „dawischt“ hat. Große Verneigung.

Die Einladung nach Kiel erfolgte von der Agentur Beck&Gold/Detlef Goldbeck.

Autor: kopfzeichen

Almut Behl, Jahrgang 1965 ist freie Journalistin und Texterin.

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