„Ich hasse Monologe“

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Der Brasilianer Vinicius Piedade brilliert mit seiner Performance „Knast“ beim Monodrama-Festival Thespis in Kiel.                                                    Fotos: Marco Ehrhardt.

Kiel. Wenn Vinicius Piedade am Ende seiner fulminanten Vorstellung „Knast“ in der Kieler Pumpe zum letzten Mal auf die schwarz verhängte Bühne tritt, bleibt er unter den Bravo-Rufen bescheiden in der rechten Ecke stehen und feixt.

Keine Verbeugung mehr, Hände locker am Körper hängend, nimmt er den Applaus entgegen und gibt dem Publikum schließlich mit einer letzten Geste etwas mit auf den Weg wie: Lasst Euch nicht unterkriegen, Leute. Wenn er beide Fäuste ballt und uns damit die Daumen drückt, suggeriert er: Macht Euer eigenes Ding, viel Glück!

Das ganze kommt so verschmitzt und freundschaftlich rüber, so humorvoll und konzentriert kraftstrotzend wie seine Performance. Diese verlangt dem Publikum einiges ab: Sich nämlich immer wieder vom superpräsenten Spiel des Brasilianers zu lösen, die Blicke von seinem spannungsgeladenen Körper Richtung englischer Übertitel zu wenden, um ja nichts von der Übersetzung zu verpassen.

Denn gleich zu Beginn ist klar: Hier geht es absolut ums Ganze.

Der 38jährige setzt sich auf einen imaginären Stuhl, schwebt lange in muskelspielender Hockstellung und reibt manisch und schier endlos die Hände. Schwer atmend hebt er sie und lässt die Finger, synchron zum Intro eines Chopin-Stücks auf die Tasten eines imaginären Klaviers, Flügels womöglich heruntersausen. Brachial, leidenschaftlich, wütend.

Dann springt er auf, rast er wie ein Irrer im Kreis. In der Hosentasche seiner abgerockten Jeans klemmt ein Bündel Papiere, nein, keine Noten, sondern ein Tagebuch, wie wir später erfahren. Er hechelt und brüllt, bleibt dann vor dem Publikum stehen und stößt mit unterdrücktem Schnaufen durch die Nase hervor: Ich ersticke.

Uns stockt auch bald der Atem, denn was dieses Bühnentier hier in knapp 70 Minuten runterrockt, ist die Geschichte eines Eingeschlossenen.

Die Story: Pianist sitzt im Gefängnis, seiner Freiheit und seines geliebten Instruments beraubt. Ob er nun mit Drogen gedealt hat oder was angeblich sein Vergehen war – egal. Er will ein Klavier, er braucht es wie die Luft zum Atmen, die Anstaltsleitung verwehrt es. Den Häftlingen Unterricht geben? No way, die verfeindeten Trakte wittern Denunziantentum, ein Aufstand der Insassen könnte bevorstehen, der Pianist als Geisel aus dem Isolationstrakt gezerrt werden, der Countdown läuft.

„Ich hasse Monologe“ sagt er einmal, nur einer von vielen komischen Momenten in diesem Selbstgespräch als Überlebensmittel, das als Dialog mit dem Publikum als Mitwisser und Anwalt daherkommt.

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Der Onkel gab ihm Klavierunterricht, ticktick macht der Mund, das Metronom aus Fingern der einen Hand, in der anderen eine Taschenlampe, mit der er Piedade sein Gesicht beleuchtet, was im großen Raum eine wichtige Fokussierung und Selbstverzerrung und andere gute Effekt bewirkt. Er springt und jagt herum, vor Körperlichkeit strotzend, sich immer wieder wie umstülpend unter der inneren Enge, berichtet von seiner Liebe zur Musik, zum Jazz eines Thelonious Monk, von desaströsen Konzerterlebnisssen, wenig hilfreichen Managern.

Er schimpft, schwadroniert und schreit, philosophiert über das Gefangensein, vom memorierten Zoobesuch als Kind, die Affen beobachtend. Von Alpträumen, vom Fallen aus dem 20. Stock. Vom Tagebuchschreiben, immer wieder knallt er die Faust auf das Papierbündel. Wer hat alles vom Gefängnis aus geschrieben? Jean Genet, Oscar Wilde, Dostojewski. Nelson Mandela und andere zählt er auf. Piedade hält prima die Waage zwischen effekthascherischer Verausgabung und V-Effekt, hier wird niemand vorgeführt, kein Furcht- und Mitleidsmanöver veranstaltet. Gerade soviel Energiearbeit wie nötig, aber eine enorme Intensität zwischen Ex- und Implosion, körperlicher Groteske und sportiver Ästhetik.

Er zerrt an seinem T-Shirt, imaginiert Schussverletzungen an der Schulter, sickerndes Blut. Er stülpt es sich über, maskiert sich, reißt es sich vom Leib. Zerrt an einer McMurphy-Mütze, minimale und oft wahnwitzige Qualen der Freiheitsberaubung zu illustrieren.

Was wir, gefordert durch die faszinierte Verfolgung des Stilmixes aus Pantomime, Monolog und wendiger Verrenkung dank der englischen Übertitel erfahren, ist aber auch die Geschichte eines von Kunst als Freiheitssynonym besessenen Menschen. Inklusive Versagensängsten. Einerseits wirklich eine Gefängnisstory. Auch an Systemkritik, etwa über Rehabilitation wird nicht gespart, doch hier ist kein Amnesty-International-Lehrstückpädagoge unterwegs. Andererseits auch der Kampf mit dem Gefangensein im Zweifel, der Unterdrückung des freien Selbstausdrucks.

Die Interaktion mit dem Publikum ist von Humor durchzogen, auf die Bitte, etwas zu singen, wird nicht reagiert. Aber bei der Frage, was wir denn so unter Freiheit kommt man ins Grübeln. Was sollen, wollen wir antworten?

Diese Frage nimmt man mit nach Hause. Umso grotesker die Werbeversprechen in ihrem Namen, die Peidade zwischen schnellen Autos und Tamponhygiene persifliert. Auch die banale Frage, warum eigentlich immer alles so hektisch sein muss, bleibt hängen.

Aberwitzig, denn  „the rush“, das Getriebensein des Darstellers scheint hier die einzig wahre und spürbare Berechtigung zu haben und führt Alltagsstress in Freiheit ad absurdum.

Sein warmer Bariton mit dem weichen Klang des Portugiesischen macht all das zu einer wohligen doch hochkochenden Soundsuppe, das rasant überflogene Englisch der Übertitel hilft, gespickt mit flapsiger Anrede („Hey, you Egg“, „Fuck you, Tramp“).

Großartig, wie er sich in perfekter Pantomime in imaginären Gitterstäben vorarbeitet, die auf ihn zuwachsen und den Raum immer kleiner werden lassen, zum Countdown mit Einsprengseln von Industrial-Rock treibt das Spiel einem Höhepunkt zu. Am Ende ist Zero.

Die Blätter liegen wie eine zersprengte Bombe am Boden und der wichtigste Satz lautet: „Ich werde nicht sterben, ich werde mich in Musik verwandeln.“

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Ein gelungenes Gleichnis über menschliche Freiheit als Grundrecht, die Macht und Notwendigkeit von Kunst, den Kampf eigenen Dämonen zwischen Zweifel und den Glauben an sich selbst. Oder man innerlich oder äußerlich im Knast sitzt, spielt im übertragenen Sinn auch keine Rolle.

Dass beide Lesarten, die politische wie psychologische möglich sind, kulminiert in der großartigen kraftvollen und auf unbeschreibliche Weise fein ziselierten und sensiblisierenden Darstellung dieses Multitalents, der im Programmheft so zitiert wird:

Autor, Regisseur, Schauspieler. Das bin ich. Damit beschäftige ich mich. Nicht, weil ich es unbedingt mag. Was ich mag, ist ein schönes, großes Vanilleeis. Oder Fußball spielen. Oder durch die Straßen einer Stadt (egal welcher) flanieren. Aber wenn ich morgens aufwache und auf die Zimmerdecke mit den Rissen starre, sage ich mir – und heute wirst du dich wieder damit beschäftigen… weil du es musst… und weil es das Einzige ist, was du kannst… Ich glaube an die humanisierende Kraft des Theaters, die ich in der Begegnung mit dem Publikum vermitteln will.“

Versprechen eingelöst. Preisverdächtig.  Info: www. thespis.de

 

 

 

 

 

Autor: kopfzeichen

Almut Behl, Jahrgang 1965 ist freie Journalistin und Texterin.

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