Kein Gangsta zieht am Vangsta

 Ikonographie bei Ikea

Er ist wieder da. Alljährlich im Spätsommer segelt das schwedische Heiligtum der Häuslichkeit in unsere überfüllten Heime und präsentiert die neuen Trends im möblierten Miteinander. Wer oder was mit wem und in welcher Farbe? Sitzenliegenstehen? Praktischquadratischgut? Rund oder oval und zu welchem neuen Niedrigpreis? Der Ikea-Katalog ist der Seismograph moderner Befindlichkeiten und Bedürfnisse rund um Innovationen im Stapeln  und Stauen.

Längst schon steht nicht mehr das Sofa im Zentrum. War es neben dem Billy-Regal gefühlt der jahrzehntelange Dauerbrenner des Druckprodukts, wird im Post-Buch-Zeitalter 2019/20 auf dem Titel eine Bettgeschichte erzählt.

Noch wirkt es etwas ungelenk, wie das binationale Paar auf dem Titel sein Bed-In im Schlafanzug feiert, aber schon auf Seite drei ist klar: Keine Pressekonferenz im Zeichen von John Lennon und Yoko Ono. Diese polyglotte Begegnung soll frohes Erwachen in New York, Amsterdam oder Berlin suggerieren. Der Bettenkauf in Bergisch-Gladbach oder AirBnB in Altötting muss sich aber auch wieder lohnen. Zimmer sind out, Wände von gestern, die Kuscheloase ein keusch-kreativer Ort (Gitarre griffbereit steht frei im Raum. Wahrscheinlich im Arbeitsbereich.

„Wir haben einen Traum“ schreiben die Strategen des schwedischen Konzerns zur „Work-Life-Sleep-Balance“ und zwingen neben John und Yoko im Liebesnest auch noch Martin Luther-Kings Zitat vom Kollektivgedächtnis in die Knie. Träume sind nicht mehr politisch, das Private hat gesiegt. „Wir schlafen im Liegen“ möchte man da mit Loriot kontern.

Und weil sich bedeutungswandelnd alles mischt, ist der Ikea-Katalog ein Bilderbuch, das uns begleitet wie dereinst die Lindenstraße. Ikea ist wie Aldi, fester Faktor in der Ausnahme-Regel. Unser täglich Brot.

Gewissensfragen weggewischt (Wo ist das Sperrholz verleimt, das Insektizid für den Containertransport versprüht worden, naja, Hauptsache, es gibt weltweit Arbeitsplätze) vermengen sich gereifte Wohnträume und prekäre Lebensverhältnisse ikonografisch mit globalisierten PR-Gags zum lustigen Potpourri aus Klischees in Kulissen. Für Minimalisten und Messies. Viel Schnickschnack und Firlefanz gruppiert sich um wenig Neues, ein paar lustige Regälchen, eine Garderobe wie zu Omas Zeiten oder simples Rohr. Küche war selten so wenig.  Und das erste Sofa taucht auf Seite 190 auf.

Zunächst glänzt Billigtinnef zwischen Kerzenhaltern, Blechdosen und Kissenbezügen in Metalloptik, gleich gefolgt von Natur-Gedöns aus Flechtwerk, Trockenpflanzen und Sisalteppich. Bald ist Advent, Accessoires sind alles. „Handarbeit“ heißt es zum Körbchen namens Nordrana für Neunneunundneunzig. Das ist ein Drama aus Kunststoff, da wurde sich blutig gehäkelt. Alles ok in Bad und WC und gut dekoriert ist die halbe Miete.

Doch in all dem Magazin-Realismus, in dem sich vereinte Nationen fake-verliebt und familiär die Schubladen teilen, gibt es auch tolles Theater:

Schöne Slogans auf knalligem Kulissen in Grundfarben, die Einzelteile hervorheben. „Hochstapeln hat viele Vorteile“ heißt es da. Auch können Wände Löcher haben. Daraus gucken keine Mäuse, sondern Beine, die auf Mülleimer treten oder Arme, die Gegenstände drapieren. Motto: „Für alle, die gegen Unordnung allergisch sind.“ In drei Rottönen tritt ein bestickter Pantoffel das Pedal des Abfalleimers Toftan – Zwölfneunundneunzig. Später hebt ein grüner Hemdsärmel den Griff einer Wasserflasche (zwoneunundneunzig) an: „Für deinen Flüssigkeitshaushalt“. Da ist viel Mut zum Kitsch, da swingen die Sixties und zitieren cineastische Labor-und Raumfahrt-Ästhetik in Wackelpuddingfarben, nicht zwingend heterosexuell.

Liebe Ikea-Werber, das gefällt mir. Am besten gefällt mir der Spruch auf Seite 255: „Du brauchst mehr Platz? Dann zieh aus.“ Da sitzen Vater und Kind konspirativ am Tisch und sehen so richtig krank aus. Sonnengelb und Eigelb-Gelb sind Wände und Boden, ihre Rollkragenpullover in Senf, die Hosen orange und ganz schlimm die Schuhe in Dünnpfiff-Ocker. Das dunkelste ist die Brühe in ihren Gläsern, das traurigste ihre Gesichtsfarbe. Der größte Lichtblick der Szene ist der weiße Tisch. Modell Vangsta. Zum Ausziehen. Neunundsiebzigneunundneunzig.

Genialer Coup der Ikea-Strategen, denn diese vergilbten Gestalten, ein smarter Papa mit Stan Laurel-Lächeln und das fehlernährte Pubertier sind eine super Projektionsfläche: Vom sorgenden  Waldorf-Vati in Cord, der mit der hochbegabten Tochter alleinerziehend klarkommt, bis zum Psychopathen, der sein androgynes Entführungsopfer nicht länger lichtlos in Gewahrsam halten kann. Kamprad meets Kampusch quasi. Das ist doch mal ein Statement: In dieser WG tut bald nichts mehr weh. Wer zieht denn nun? Die Fäden, am Tisch, alle Register oder aus? Das ist schöner Stoff zum Träumen.

Foto/Ausschnitt: Ikeakatalog 2019/2020  S. 255

 

West-östliche Demut

Esther Kaiser tourt mit ihrem neuen Album

Songs of Courage

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Was für ein Bild. Vor kargem Grau den sanften Blick nach oben ins helle Licht gerichtet, so steht die Jazzsängerin Esther Kaiser in zeitlosem Schwarz-Weiß für eine hoffnungsvolle Herzensangelegenheit: Mut. „Songs of Courage“ heißt der Titel und zeigt sich auf dem Cover wie ein in Stein geritzter Schriftzug.

Verheißungsvoll fällt das Licht hier in die Tiefe und wer will, darf den Raum als Verlies, vielleicht aber auch als spirituelle Kammer deuten.

Und tatsächlich ist das großartige achte Album der „Jazzpoetin“ ein Aufruf, innere und äußere Begrenzungen hinter sich zu lassen.

Vielleicht auch die des Zynismus. Denn wenn es unter den 13 Songs ein Wiederhören mit „We shall overcome“ gibt, mag mancher, der die durchdringende Inbrunst von Joan Baez noch im Ohr hat, resigniert abwinken. Kalter Kaffee?

Nein. Protestsongs aus Pop, Folk und Fusion geraten bei Esther Kaiser und ihren kongenialen Begleitern zu wahrhaftiger Klang-Kunst. Dissonanzen schleichen sich ein, die allgemeine Schräglage der globalen Situation, Ton- und Rhythmusverschiebungen, das Resignative, das zähe Ringen um ein Miteinander fließt in jedes dieser starken Stücke ein. Und dennoch gibt es Aufmunterndes: Die Kraft und den Optimismus ihrer Stimme.

Esther Kaiser arbeitet neue Nuancen dieser Appelle heraus, spürt dem politischen Zeitgeist nach und trotzt den Abgesängen.

We shall overcome? Weit entfernt von Naivität klingt die historisch weitreichende Hymne der Schwarzen- und Friedensbewegung bei Esther Kaiser nicht mehr kraftvoll-visionär, sondern wie ein melancholisches Mantra. Rezitiert und repetiert wie ein liebevolles Nachtlied, mütterlich memoriert und ins Moll kippend, ein kleines Gebet der Dankbarkeit und große Gedanken an den Rest der Welt, dem es nicht so gut geht wie uns.

We shall overcome/we won’t be afraid/We shall live in peace.

Eingeläutet wird der Titel von knarzenden Cellostrichen, die suchend um den richtigen Ton zwischen west-östlichen Harmonien kreisen, umhüllt von den Dudelsackähnlichen Brummen der indischen Shrutibox, bevor langsam Kaisers klare Stimme einsetzt, sich beschwörend und auch schmerzvoll entfaltet und sich gemeinsam mit dem sägenden Cello in elegische Gesänge auffächert. Ja, da war etwas, das wir nie vergessen wollten und uns selbst immer wieder ein bisschen zwingen müssen, um dran zu glauben: Deep in my heart/ I do believe/ that we shall overcome/ some day…

Und auch der einstige Dauerbrenner: Where have all the flowers gone kommt später vor, hier als zart-verknappte Reminiszenz, als fernes Echo aus der (Flower-Power-)Vergangenheit, mit metallischen Gitarrenklängen, die dräuend über die Gräber der Gegenwart wehen. Zu pathetisch?

Das Stichwort Courage ist ihr schon in der Auseinandersetzung mit der Sängerin Abbey Lincoln begegnet, der die in Freiburg geborene Wahlberlinerin 2015 ihr letztes Album ‚Learning how to listen’ gewidmet hat.

Dann entstand durch ihre Professur für Jazzgesang an der Musikhochschule Dresden ein Impro-Projekt zwischen Studierenden und Geflüchteten und es ergab sich die Zusammenarbeit mit Hasan Al Nour, seines Zeichens Medizinstudent und virtuoser syrischer Kanun-Spieler mit absolutem Gehör, der in seiner Heimat Damaskus mehrere Bands geleitet hat. Und mit dem Iraker Cellisten Akram Younus Ramadhan Al-Siraj von der Dresdner Formation Banda Internationale.

Esther Kaisers Wunsch, sich zu gesellschaftlichen Themen durch das Medium der Musik zu Wort zu melden und „buchstäblich den Mund aufzumachen“, mündete gemeinsam mit Al Nour und Al-Siraj und ihrer Berliner Band (mit Bassist Marc Muellbauer, Roland Schneider (Drums) Pianist Tino Derado und Rüdiger Krause an der Gitarre) in 13 Songs. Von Bob Dylan bis Beatles, von Hanns Eisler über David Bowie bis zu Suzanne Vega, deren bekannte Botschaften von Freiheitsliebe, Fremdheit und Frieden sich hier neu interpretiert mit orientalischen Klängen verzahnen.

Zum magischen, teils dekonstruierten und neu durchdrungenen Ergebnis ist die Presse des Lobes voll:

„Esther Kaiser fordert Mut zur Begegnung“ schreibt Zitty Berlin, die FAZ lobt ihre „ruhige, aber spektakulär schimmernde Stimme“, Jazzthing lobt ihr „unorthodoxes Klangbild“ und die Märkische Allgemeine Zeitung feiert die emotionale Bandbreite ihrer Stimme als „betörend anders“.

Auf der Bühne bin ich in meiner Kraft“ erzählt die 44jährige, im Alltag sei sie zurückhaltender. Dass die zweifache Mutter ihren Gesangs-Studentinnen an der Musikhochschule Dresden klarmacht, dass man auf dem Weg zu einer „Künstlerpersönlichkeit“ eine eigene „Dringlichkeit“ entwickeln muss, überzeugt absolut und wer sie live in frisch-klarer Mittellage erlebt, spürt eine schnörkellose Gradlinigkeit und große Durchlässigkeit. Auf Spitzenniveau und fern jeglicher Selbstgefälligkeit lotet sie nuanchenreich die Variablen zwischen zarter Leichtigkeit und geerdeter Tiefe aus. Die aufrechte Haltung dahinter: Demut.

Im neuen Projekt gelingt Esther Kaiser und ihren kongenialen Begleitern eine Art Suite, ein feines west-östliches Klanggebilde aus Konfrontation und Überlappung, das mal in dissonante Mahnung, mal in harmonische Melange münden kann.

Angeführt von Bob Dylans Anklage an die „Masters of War“, bei die Klänge der Kanun, einer 63- bis 84saitigen orientalischen Zither mal wie klimatische, mal wie körperliche Schauer oder Spannungsmomente hereinwehen, geht es weiter über Michael Jacksons getragenen „Earth Song“, Chick Choreas Appell „Open Your Eyes, You Can Fly“ zum ersten melancholischen Einbruch mit: „Where have all the Flowers gone“. Kitschgefahr gebannt durch die konterkarierenden Kontraste von Rüdiger Krauses E-Gitarre.

Die vielzitierten „Register“, die hier zwischen Jazz, Rock, Pop und Singer-Songwriting gezogen werden, machen aus jedem der Songs eine weltmusikalische Klangskulptur, den teils verfremdeten Kern herausschälend und das Ohr herausfordernd, neue Facetten freizulegen.

So kann man Trump sei Dank neu verzweifelt den Kopf schütteln zu den autistischen Wechselrhythmen in der Bowie-Adaption „This is Not America“, spöttisch nicken zu den tänzelnd gesetzten Untertönen der „Revolution“ der Beatles und deren Aufruf „free your mind instead“ auch als Statement gegen den ganzen Stammtisch- und (Social-) Media Mülls verstehen.

Ach und wie steht es denn so mit der Gewalt um die Ecke, eventuell im eigenen Haus?

„Please don’t ask me how I am“ verbittet sich die geschlagenen Figur in Suzannes Vegas Hit „My name is Luka“ von 1987 und Esther Kaiser arbeitet die flehende Doppelbotschaft dieser Person, „living upstairs from you“ im kaum abgewandelten Original ganz subtil heraus.

Das Motto „Learning how to listen“ ihres vorigen Albums könnte auch hier Pate stehen, denn darum geht es: Musik nicht als Konsumstück, sondern künstlerischen Beitrag im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Erkenntnisgewinn. Schimpft noch jemand über die Allgegenwart von Handies, wenn sie den Emigranten Hanns Eisler mit seinem „kleinen Radioapparat“ durch den Äther schickt? Wer im Exil nichts mehr in der Hand hält außer „Sterne“, darf sich heute vielleicht daran klammern.

Im Herzstück des Albums, widmet sich Esther Kaiser in einer elegischen Eigenkomposition den Menschen auf der Flucht.

He ́s a wanderer between the worlds/ He knows a pain we fear to know/ He has seen things/ we don ́t want to se/ and he cried all the tears/ we ́re not willing to cry ourselves no no … we don ́t want to cry

So, wie sie dem „Wanderer between the Worlds“ ein Denkmal setzt, mal in der weiblichen, mal in der männlichen Rolle, entsteht zwischen leicht afrikanisch anmutenden Stimm-Loops, Daumenklavier und der Kanun und Kaisers orientalischen Klagetönen ein kulturenverbindender Klangkosmos, der unter die Haut geht.

Tourdaten: www.esther-kaiser.de

Esther Kaiser  – SONGS OF COURAGE

GLM  FM 234-2 / 4014063423429 / Vertrieb: Soulfood

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Warum wir Zauber(er) brauchen

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Tazio Torrini taumelt in „Der Illusionist“ durch ein Endzeit-Szenario  Fotos: Marco Ehrhardt

Kiel. Manchmal kommt man im Theater zu den Grundfragen zurück.

Warum versammeln sich hier Menschen, um einen anderen Menschen auf kleinem Raum Dinge tun zu sehen? Ihn etwas behaupten, ihn sprechen und agieren zu hören, herumrührend in Requisiten, uns mit lauten Geräuschen konfrontierend und das alles in einer Sprache, die nicht immer verständlich ist?

Es ist ganz einfach. Weil wir diesen Zauber, diesen Zinnober, diesen Zirkus brauchen. Weil es so furchtbar faszinierend ist. Weil wir nun mal gern Menschen anschauen. Live. Sinnlich erlebbar, atmosphärisch spürbar. Weil wir neugierig sind . Auf Bilder, auf Körper, auf Seelen. Hoffentlich auch immer auf unsere eigene, für die ja bei einem Festessen statt Fastfood auch immer ein Stückchen abfällt.

Es ist zum Beispiel das kompakte Stündchen Fremdsprache plus Bildersturm, das der Italiener Tazio Torrini im Schauspielhaus-Studio am Donnerstag Abend zum Besten gab.

Es sind die zwei Müllhaufen von Kleidung, links Klamotten, rechts Schuhe, hinter denen er als dubioser Magier zur dissonanten Kakophonie aus Dröhnen, Laustsprecherdurchsagen und schrillen Flötentönen hervorkriecht.

Ein Absperrgitter im Hintergrund, das auch über ihm schweben könnte, denn er ist als durch den Rost  in den Untergrund Gerutschter, ein im Unrat Vergessener der Zivilisation, der sich hier versteckt oder auf der Flucht ist.

Es ist seine Bühnenpräsenz und Suggestion, das expressive Stakkato des Italienischen und seine permanente Bewegung, die nur selten zum Stoppen kommt, die diese Szenenabfolge reizvoll macht.MEF_7481

„Ich hab kaum etwas verstanden, aber es war gut gespielt“ sagt eine Seniorin im Schlussapplaus zu ihrer Nachbarin. Hie und da wurde auf die Uhr geguckt, Pastillendosen gezückt, ein bisschen mit sich gekämpft. Wer wollte, konnte das Infoblatt überfliegen, mit dem die elf Szenen fragmentarisch zusammengefasst wurden.

Doch ist das wirklich wichtig?

Die Suggestion einer postapokalyptischen Szenerie stellt sich durch Musik und Kulisse ein, die Panda-Maskierung dieses Untoten lässt schon ahnen, dass hier die Sonne lange nicht mehr schien.

Doch interessanterweise ist die „Story“, um die es vielleicht ging – Fleischressende Schmetterlinge, Gehirnwäsche, stinkende Schnecken und ein riesiges Geschöpf, das sich wie Regen auf die Stadt legt – auch mit der subjektiven Story verknüpfbar, die sich parallel dazu in den Köpfen des Publikums weiterspinnt.

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Torrinis Spiel und sein Sprachfeuerwerk sind so hochsportiv, das von Langeweile nicht die Rede sein kann. Seine gequälte Kreatur entfaltet sich wie im letzten Aufbäumen vom verängstigten Obdachlosengespent in Unterhose zu einem Derwischartigen Magier, der eingangs und am Ende nochmals, versucht, vor dem zunehmend panisch bezirzten Publikum mit Zaubertricks zu punkten, die nicht gelingen wollen. Abgehalftert hetzt er, sich ständig umziehend von Figur zu Figur und lässt schaurigen Showglamour aufblitzen, verwandelt sich in einen Läufer, der nicht aufhören kann, endlos auf der Stelle tretend, im permanenten Monolog, sieht mit kappenartiger Plastikperücke wie eine Mischung aus Playmobil-Fratze und Willem Dafoe-Fiesling aus, ein androider Einflüsterer, der Gehirnwäsche anpreist. Immer wieder versucht er zu tanzen, wie um sich an die Mechaniken vergangener Lebensfreuden zu erinnern, repetiert zwischen Laufen, Tanzen und Unterhaltungs-, Werbe- und Propagandaworthülsen, ein Sysiphos im Müll, dem der Zugang zur Welt abhanden kam.

Kein Problem, im verzweifelten Entertainer, der gehetzten Gestalt und dem vor drohenden Unheil Fliehenden, den Torrini mit bravourösem Eifer eine Stunde lang wie nebenbei durch seine Wortkaskaden treibt, Identifikationsmöglichkeiten und Verweise auszumachen.

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Auch sein akustischer Einsatz eines ferngesteuerten Spielzeugpanzers gelingt trotz oder vielleicht gerade wegen des penetranten Wehklagens über dessen Erlahmen virtuos. Das ganze Szenario als zugespitzte politische, soziale und ökologisches Horrorvision vom Ende der Zivilgesellschaft, vielleicht in Europa, vielleicht weltweit, macht neugierig auf den Autor des Stücks, den rumänisch-französischen Schriftsteller Matei Visniec, der mit seinem „Theater des Zerfalls“ laut Programmheft den „entwürdigenden Zustand des seelischen, körperlichen und sozialen Verfalls abzubilden“ versucht.

Von Tazio Torrinis Spiel bleibt einiges haften, vielleicht gerade durch ein nicht hundertprozentigen Sprachverständnis schärft er ästhetisch den Blick für die Dauerbeschallung durch erbarmungslose Phrasen im medialen Alltagswahnsinn, der auch im „Uns geht’s ja noch Gold“ – Routine lauert:  Der Groteske des Konsums. Auch dem von Unterhaltung.

www.thespis.de

 

„Ich hasse Monologe“

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Der Brasilianer Vinicius Piedade brilliert mit seiner Performance „Knast“ beim Monodrama-Festival Thespis in Kiel.                                                    Fotos: Marco Ehrhardt.

Kiel. Wenn Vinicius Piedade am Ende seiner fulminanten Vorstellung „Knast“ in der Kieler Pumpe zum letzten Mal auf die schwarz verhängte Bühne tritt, bleibt er unter den Bravo-Rufen bescheiden in der rechten Ecke stehen und feixt.

Keine Verbeugung mehr, Hände locker am Körper hängend, nimmt er den Applaus entgegen und gibt dem Publikum schließlich mit einer letzten Geste etwas mit auf den Weg wie: Lasst Euch nicht unterkriegen, Leute. Wenn er beide Fäuste ballt und uns damit die Daumen drückt, suggeriert er: Macht Euer eigenes Ding, viel Glück!

Das ganze kommt so verschmitzt und freundschaftlich rüber, so humorvoll und konzentriert kraftstrotzend wie seine Performance. Diese verlangt dem Publikum einiges ab: Sich nämlich immer wieder vom superpräsenten Spiel des Brasilianers zu lösen, die Blicke von seinem spannungsgeladenen Körper Richtung englischer Übertitel zu wenden, um ja nichts von der Übersetzung zu verpassen.

Denn gleich zu Beginn ist klar: Hier geht es absolut ums Ganze.

Der 38jährige setzt sich auf einen imaginären Stuhl, schwebt lange in muskelspielender Hockstellung und reibt manisch und schier endlos die Hände. Schwer atmend hebt er sie und lässt die Finger, synchron zum Intro eines Chopin-Stücks auf die Tasten eines imaginären Klaviers, Flügels womöglich heruntersausen. Brachial, leidenschaftlich, wütend.

Dann springt er auf, rast er wie ein Irrer im Kreis. In der Hosentasche seiner abgerockten Jeans klemmt ein Bündel Papiere, nein, keine Noten, sondern ein Tagebuch, wie wir später erfahren. Er hechelt und brüllt, bleibt dann vor dem Publikum stehen und stößt mit unterdrücktem Schnaufen durch die Nase hervor: Ich ersticke.

Uns stockt auch bald der Atem, denn was dieses Bühnentier hier in knapp 70 Minuten runterrockt, ist die Geschichte eines Eingeschlossenen.

Die Story: Pianist sitzt im Gefängnis, seiner Freiheit und seines geliebten Instruments beraubt. Ob er nun mit Drogen gedealt hat oder was angeblich sein Vergehen war – egal. Er will ein Klavier, er braucht es wie die Luft zum Atmen, die Anstaltsleitung verwehrt es. Den Häftlingen Unterricht geben? No way, die verfeindeten Trakte wittern Denunziantentum, ein Aufstand der Insassen könnte bevorstehen, der Pianist als Geisel aus dem Isolationstrakt gezerrt werden, der Countdown läuft.

„Ich hasse Monologe“ sagt er einmal, nur einer von vielen komischen Momenten in diesem Selbstgespräch als Überlebensmittel, das als Dialog mit dem Publikum als Mitwisser und Anwalt daherkommt.

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Der Onkel gab ihm Klavierunterricht, ticktick macht der Mund, das Metronom aus Fingern der einen Hand, in der anderen eine Taschenlampe, mit der er Piedade sein Gesicht beleuchtet, was im großen Raum eine wichtige Fokussierung und Selbstverzerrung und andere gute Effekt bewirkt. Er springt und jagt herum, vor Körperlichkeit strotzend, sich immer wieder wie umstülpend unter der inneren Enge, berichtet von seiner Liebe zur Musik, zum Jazz eines Thelonious Monk, von desaströsen Konzerterlebnisssen, wenig hilfreichen Managern.

Er schimpft, schwadroniert und schreit, philosophiert über das Gefangensein, vom memorierten Zoobesuch als Kind, die Affen beobachtend. Von Alpträumen, vom Fallen aus dem 20. Stock. Vom Tagebuchschreiben, immer wieder knallt er die Faust auf das Papierbündel. Wer hat alles vom Gefängnis aus geschrieben? Jean Genet, Oscar Wilde, Dostojewski. Nelson Mandela und andere zählt er auf. Piedade hält prima die Waage zwischen effekthascherischer Verausgabung und V-Effekt, hier wird niemand vorgeführt, kein Furcht- und Mitleidsmanöver veranstaltet. Gerade soviel Energiearbeit wie nötig, aber eine enorme Intensität zwischen Ex- und Implosion, körperlicher Groteske und sportiver Ästhetik.

Er zerrt an seinem T-Shirt, imaginiert Schussverletzungen an der Schulter, sickerndes Blut. Er stülpt es sich über, maskiert sich, reißt es sich vom Leib. Zerrt an einer McMurphy-Mütze, minimale und oft wahnwitzige Qualen der Freiheitsberaubung zu illustrieren.

Was wir, gefordert durch die faszinierte Verfolgung des Stilmixes aus Pantomime, Monolog und wendiger Verrenkung dank der englischen Übertitel erfahren, ist aber auch die Geschichte eines von Kunst als Freiheitssynonym besessenen Menschen. Inklusive Versagensängsten. Einerseits wirklich eine Gefängnisstory. Auch an Systemkritik, etwa über Rehabilitation wird nicht gespart, doch hier ist kein Amnesty-International-Lehrstückpädagoge unterwegs. Andererseits auch der Kampf mit dem Gefangensein im Zweifel, der Unterdrückung des freien Selbstausdrucks.

Die Interaktion mit dem Publikum ist von Humor durchzogen, auf die Bitte, etwas zu singen, wird nicht reagiert. Aber bei der Frage, was wir denn so unter Freiheit kommt man ins Grübeln. Was sollen, wollen wir antworten?

Diese Frage nimmt man mit nach Hause. Umso grotesker die Werbeversprechen in ihrem Namen, die Peidade zwischen schnellen Autos und Tamponhygiene persifliert. Auch die banale Frage, warum eigentlich immer alles so hektisch sein muss, bleibt hängen.

Aberwitzig, denn  „the rush“, das Getriebensein des Darstellers scheint hier die einzig wahre und spürbare Berechtigung zu haben und führt Alltagsstress in Freiheit ad absurdum.

Sein warmer Bariton mit dem weichen Klang des Portugiesischen macht all das zu einer wohligen doch hochkochenden Soundsuppe, das rasant überflogene Englisch der Übertitel hilft, gespickt mit flapsiger Anrede („Hey, you Egg“, „Fuck you, Tramp“).

Großartig, wie er sich in perfekter Pantomime in imaginären Gitterstäben vorarbeitet, die auf ihn zuwachsen und den Raum immer kleiner werden lassen, zum Countdown mit Einsprengseln von Industrial-Rock treibt das Spiel einem Höhepunkt zu. Am Ende ist Zero.

Die Blätter liegen wie eine zersprengte Bombe am Boden und der wichtigste Satz lautet: „Ich werde nicht sterben, ich werde mich in Musik verwandeln.“

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Ein gelungenes Gleichnis über menschliche Freiheit als Grundrecht, die Macht und Notwendigkeit von Kunst, den Kampf eigenen Dämonen zwischen Zweifel und den Glauben an sich selbst. Oder man innerlich oder äußerlich im Knast sitzt, spielt im übertragenen Sinn auch keine Rolle.

Dass beide Lesarten, die politische wie psychologische möglich sind, kulminiert in der großartigen kraftvollen und auf unbeschreibliche Weise fein ziselierten und sensiblisierenden Darstellung dieses Multitalents, der im Programmheft so zitiert wird:

Autor, Regisseur, Schauspieler. Das bin ich. Damit beschäftige ich mich. Nicht, weil ich es unbedingt mag. Was ich mag, ist ein schönes, großes Vanilleeis. Oder Fußball spielen. Oder durch die Straßen einer Stadt (egal welcher) flanieren. Aber wenn ich morgens aufwache und auf die Zimmerdecke mit den Rissen starre, sage ich mir – und heute wirst du dich wieder damit beschäftigen… weil du es musst… und weil es das Einzige ist, was du kannst… Ich glaube an die humanisierende Kraft des Theaters, die ich in der Begegnung mit dem Publikum vermitteln will.“

Versprechen eingelöst. Preisverdächtig.  Info: www. thespis.de

 

 

 

 

 

„Ich habe mich verirrt“

 

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Philipp Hochmair mit seiner Theaterversion von Franz Kafkas „Amerika“ zu Gast beim Thespis Monodrama-Festial.  Fotos: Marco Ehrhardt.

 

Kiel. „Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich“.  Mit diesen von Franz Kafka 1916 in sein Tagebuch notierten Worten laden Festivaldirektorin Jolanta Sutowicz und Dramaturg Jens Raschke ihr Publikum zum 11. THESPIS Monodrama-Festival in Kiel. (Bis 17. November 2018)

Den Seelenkammern, Träumen und Fantasien, den Erlebnissen und Erinnerungen, Ängsten und Abgründen von Menschen in einem Einpersonentheaterereignis künstlerischen Raum zu geben, tritt das von Schauspielerin Jolanta Sutowicz erfolgreich etablierte Festival einmal mehr natürlich auch an, in einer „Welt, die immer kleiner und enger zu werden droht“, politisch und sozial Flagge zu zeigen.

Den Auftakt machte im ausverkauften Kieler Schauspielhaus am Sonnabend der österreichische Schauspielstar Philipp Hochmair, vor zwei Jahren mit seinem „Jedermann reloaded“ in Kiel heftig umjubelt und auch in diesem Jahr als Opener mit minutenlangem Applaus gefeiert.

Seine Theaterversion von Franz Kafkas „Amerika“ ist kein bloßer Schicksalsbericht, sondern ein existentielles dramatisches Statement. Wer just aus der zehnstündigen Lektüre des 300 Seiten-Romans von 1927 auftaucht,  der von Kafka auch als „Der Verschollene“ überschriebenen wurde , wird in gefühlten 10 Minuten auf der Bühne auf den Pott eines Parforceritts gesetzt.

Keine Lähmung, keine Langwierigkeit: Mit Koffer und  Stuhl rast Hochmair in einem beleuchteten Karré wie ein auf einem Floß Treibender durch die Kapitel, die mit Leuchtbuchstaben im Hintergrund vorbeiziehen wie Anzeigetafeln auf Bahnhöfen oder Flughäfen.

Kafkas unfreiwilliger Auswanderer Karl Roßmann, den seine Eltern wegen eines unehelichen Kindes mit einem Dienstmädchen verstießen, wird hier zum Stellvertreter aller Heimatlosen, Ausgestoßenen, Flüchtenden und Glückssucher und sein jugendliches Alter steht symbolisch für die Naivität des Fremden.

„My Name ist Karl Roßmann und ich habe mich verirrt“ ruft Hochmair immer wieder. Ein vergeblich Rufender, Ungehörter und Unerhörter, der sich im Namen der Glückssuche und Gerechtigkeit wie eine Blindekuh durch schicksalhafte Begegnungen schubsen lassen muss.

Durch diese springt Hochmair mit blitzschnellen Perspektiv- und Positionswechseln zwischen Erzählstimme, Protagonist und übriger Personage.

Straßengeräusche, diffuses Brummen und Dröhnen, Lichteffekte, die beleuchtete Hochhausfenster andeuten und eine Leinwand im Hintergrund bilden die Bühnenelemente.

Ankunft per Schiff in New York, Anfreunden mit dem Schiffsheizer und dessen Verteidigung vor dem Kapitän, zufälliges Antreffen eines Onkels im Büro des Kapitäns, Kafka-typische Anklage-, Verhör- und Verteidigungsszenen, Aufnahme beim reichen Onkel, einem Spediteur, Verstoßenwerden von diesem wegen einer unerwünschten Besuchsfahrt bei dessen Bekannten auf’s Land, Anschluss an die Landstreicher Delamarche und Robinson, Unterschlupf als Liftboy im Hotel Occidental, mütterlicher Schutz durch die Oberköchin und Freundschaft mit deren kindlicher Sekretärin Therese, Entlassung aus dem Hotel wegen Unterbringung des wiedergekehrten sturzbetrunkenen und im Fahrstuhl kotzenden Robinson, Dienst bei Robinson und Delamarche unter einer dickleibig-schwerfälligen „Sängerin“ Brunelda, Finale durch Roßmanns Aufnahme im „Naturtheater von Oklahoma“ –

Kafkas Romanhandlung weist typische Charakteristika und manche Rätsel auf.

Vor allem aber seine Hauptelemente Einsamkeit, Isolation, unerklärliche Schuldzuweisung, Verleumdung sind der Stoff aus dem der Begriff „kafkaesk“ gewebt ist.

Hochmair streicht radikal an Szenen und (Frauen-)figuren, so auch die dicke behäbige und launische Brunelda als Dienstherrin der drei Zentralfiguren Delamarche, Robinson und Roßmann. Dass sie als Gegenentwurf zur holdschlanken Freiheitsstatue und damit der Enttäuschung des amerikanischen Traums interpretiert werden kann, geschenkt.

Wir verstehen auch so:  Hochmairs Interpretation lässt sich als politisches Statement werten, wenn wir uns neben der psychologischen und generell kafkaesken Fremdheit, die womöglich jeder Mensch kennt, auch und vor allem die des Vertriebenen, Flüchtlings und ausgewanderten Anwärters vorstellen.

In jedem Fall ist das extreme Exzerpt der Theaterfassung als Tribut an die Reize und Herausforderungen des Monodramas zu werten, in denen Hochmair seine Virtuosität und Sportlichkeit, vielleicht aber auch eine klitzekleine Ungeduld als „Extremschauspieler“ glänzend unter Beweis stellen kann:  Alles auf einmal zu durchrasen.

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Das Nesteln am Anzugsaum, die Schritt bedeckende Fußballerhaltung des schutzlosen Mannes, das Fallen aus dem Sitzen ins Liegen, das aus dem  Auto geschubst werden, das Sprechen mit Autoritäten wie mit Riesen, das Heruntersprechen dieser zahllosen Stimmen auf den Winzling Roßmann, das sich von seiner Verführerin und Kindsmutter in der Waagerechten auf dem Stuhl mit den eigenen und doch fremden Händen ausziehen lassen müssen, mit seinem Hemd flugs den Boden wischen, Kopfüber schlafen in totaler Erschöpfung. In all diesen Haltungen ist Hochmair, dieser Satz muss sein: In Hochform.

 

Er ist der körperlich (re-)agierende Motor, die Manövriermasse, das Frachtgut vieler Faktoren, spielend sich selbst manipulierend.

Hochmair gleitet geschmeidig zwischen Positionen und Polen hin und her, kniet, krabbelt, kriecht, rennt und stellt sich in exemplarische Miniaturen menschlicher Verfassungen.

Großartig, dass er viele beinahe autistisch Kernsätze mehrfach wiederholt. Als ob er sie sich selbst zuriefe, vielleicht ein dramaturgischer Kunstgriff, um sowohl behördliche Genauigkeiten zu parodieren, die Kafkas Figuren generell fürchten und faszinieren. Aber auch das Bewusstwerden und Memorieren von Situationen, die er sich einhämmern, aufsagen und gesetzmäßig als Status Quo zementieren muss.

Für Schwerhörige eine schöne Extrawurst.

Köstlich, wie Hochmair zudem die Sprache dehnt und zerkaut, wenn er den Namen Karl Roßmann durch verschiedene Münder wandern lässt.

Ein Karl wird zum zärtlich geflüstern „Koal“ der ihn umgarnenden Frauen, aber auch „Qual“ oder „Quall“ ist herauszuhören. Das Wienerisch der Frau Oberköchin eine wohlmeinende Karikatur, leider auch als doch so mütterliche Beschützerin. Das „Gute Nacht“ – Sagen in ihrer Dachkammer formt Hochmair zur witzigen Waltons-Reminiszenz, familiäre Verbundenheit heraufbeschwörend.

Sich selbst als „Horse“-Man und mit anderen Anglizismen verspottend, versucht sein Karl immer wieder die Bewerbersituation und das kafka-typische Vergeblich-um-Gehör-bitten mit Qualifizierungsvokabeln wie „Anpassungsbereitschaft“ zu unterlegen, eine schöne Spitze gegen die Auswüchse in der Arbeitswelt. Getoppt vom gehetzten „Yes, we can“, das im ganzen monologischen Mosaik immer noch frisch-lustig rüberkommt.

 

Ästhetisch ist Hochmair in seinem Element, wenn ein Video mit seinem Kumpelkontrahenten Robinson als schmierig-mafiöser Eindringling im Hotelfahrstuhl eingespielt wird. Pilotenbrille und Zigarette in Nahaufnahme, auch so bricht er die Form auf und transferiert die Szenerie stilistisch in die Gegenwart.

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Zum Finale, das im Roman ein mögliches Weiterziehen gen Westen suggeriert, aber auch eine Art Traum oder Wunschfantasie, womöglich aber auch schon im Totenreich angesiedelt, wird die Leinwand heruntergelassen, Hochmair tänzelt gemäß Kafka’s Trompetenengelchen in Unterhose und Kniestrümpfen als dekonstruierter Darstellerdarsteller über alle Hindernisse und metaphorischen Ebenen in den erleuchteten Saal, fragt mit Mikro in der Hand, von rot-weißem Absperrband umwickelt gestisch ganz kurz die Freiheitsstatue andeutend Berufe im Publikum ab und mimt den Anwerber des „Naturtheaters von Oklahoma“, wo angeblich „jeder gebraucht“ werde. Jeder könne da Schauspieler sein. Und wenn es nur technische Hilfskraft heißt. Wenn Karl Roßmann der ja ganz ursprünglich mal Ingenieur werden wollte schlussendlich seinen Namen als „Negro“ angibt, dürfte auch klar werden, wie Kafka  die gesellschaftliche Stellung Roßmanns und Hochmair auch die globalisierte Gesellschaft als kapitalistische Klimbimveranstaltung gedeutet sehen wollen.

 

Verheißung oder Verließ, was Amerika vor 100 Jahren war, ist jetzt (auch) Europa. Und ob wir durch die Groteske der Globalisierung, prekäre Arbeitslagen oder Flüchtlingspolitik dem Zerplatzen von Träumen und Sicherheiten zusehen müssen, ist eigentlich egal.

Dem Schwenken der Kuhglocken im Arbeitgeber- Entertainer- Himmelreich, die der gern auch mit Musik und Geräusch agierende Hochmair als gehetzter Zeremonienmeister emsig bedient, könnte auch das Weihrauch umwölkte Einläuten einer neuen Zeit bedeuten, das Wachklingeln, einen Weckruf.

Philipp Hochmairs zirzensiche Spiellust aber ist weit entfernt vom Zeige- oder Stinkefinger. Klar, dass die Politik Blüten treibt, die einen Begriff wie das „Kafkaeske“ mit seiner Psychologie von Schuldempfindung und Verlorenheit in neues Licht tauchen kann.

„Amerika“ steht in der „Trilolgie der Einsamkeit“ laut Herausgeber Max Brod neben den Titeln „Der Prozeß“ und „Das Schloß“ noch als der versöhnlichste und hoffnungsvollste Roman da.

Und noch steht der ansteckende und aufrüttelnde Spaß eines Schauspielers wie Philipp Hochmair spürbar über aller Not und Beklemmung. Vielleicht ganz gut so.  Irgendwas scheinen wir doch auch selbst in der Hand zu haben. Jedenfalls stirbt die Hoffnung ganz zuletzt. Der Auftakt des diesjährigen Festivals ist jedenfalls mehr als gelungen.

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Fotos: Marco Ehrhardt.  Infos und Programm: www. thespis.de

 

 

Mond über schwarzem Meer

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Newcomerin Ayca Mirac entzückt mit „Lazjazz“

LazJazz? Das weckt phonetisch sofort Assoziationen. Yes, lazy, laid back, Latinjazz.

Doch diese schöne neue Wortkreation bezieht sich auf die Sprache der Lasen, die im äußersten Nordosten der Türkei und im Südwesten Georgiens von einer Minderheit gesprochen wird.  Und so zart und berührend, wie die junge Sängerin Ayca Mirac auf ihrem Debütalbum Töne tupft und Schwebemomente heraufbeschwört, kann man amerikanisch zerkaute  „Ä“-Laute kurz mal vergessen.

Die in Gelsenkirchen aufgewachsene Tochter des Schriftstellers Yasar Mirac mit familiärem Zweitwohnsitz in Istanbul ist früh in einen Klangkosmos hineingewachsen. Hier die klassische türkische Musik, die sie als Kind bei ihrem Großvater hörte, dort die Klavierimprovisationen türkischer Melodien vom väterlichen Klavier. Und dann das Engagement ihrer lasischen Mutter um den Erhalt ihrer Sprache, die von der UNESSCO als bedroht eingestuft wird. Etwa 22000 bis 250000 Menschen sprechen das in viele regionale Dialekte zergliederte und von einem komplexen Lautsystem und großem Konsonantenreichtum geprägte Sprache  vom Schwarzen Meer. Wann immer sich die am holländischen ArtEZ Conservatorium ausgebildete Jazzsängerin dort aufhält, bemüht sie sich, das klangvolle Idiom weiter zu erlernen, erforscht und durchdringt die musikalische Vielfalt der Lasen.

„Leuchtend wie der Mond“ bedeutet ihr Name und der Gesang von Ayca Mirac macht ihm alle Ehre. Betörend klar, zart und zauberhaft ist ihre Stimme, deren Mischung aus Entrücktheit und kindlicher Präsenz binnen Sekunden ein märchenhaftes Ambiente schafft. Unendlich leicht, fast schwebend erstreckt sie sich aus seidenfeinen doch festen Wurzeln aus dem Boden Richtung Himmel. Was dann klanglich erblüht, kann man schwer Folk nennen und auch nicht eine Fusion aus Volkslied und Jazz, am besten ist es tatsächlich, das Flechtwerk aus türkischen, megrelischen (den Lasen benachbart) und englischen Texten und Melodien Lazjazz zu nennen. So wird ein phonetischer-melodiöser Schatz gehoben, in den sich ihre behutsame Band rund um Arrangeur und Lebenspartner Philipp Grußendorf (double bass), Henrique Gomide sowie als Gast Bernhard Schüler (piano) und Marcus Rieck (drums) nach und nach tänzerisch einfädelt.

Einfache, schwebende Melodien mit einem winzigen Hauch von Orient, den minimalistischen Kreistanzrhythmen, die peu à Peu in Polyphonie aufgehen, getragen von vertrauten Harmonien von Bach bis Pianobarjazz, das muss man hinkriegen ohne Kitsch und Klimbim. Es gelingt fantastisch.

Die Improvisation auf folkloristischen Motiven, wie in Avlaskani Cuneli, einem Volkslied aus dem Repertoire des in der Türkei populären und früh verstorbenen Sängers Kazim Koyuncu zeigt das deutlich. Ähnlich die verträumte und doch fröhliche Liebeserklärung an ihren Istanbuler Lieblingsstadtteil in Üsküdar’a Giderken oder das aus Höhen herabperlende Trabzon Sarkisi als Hommage an die Schwarzmeer-Metropole Trabzon.

Mit unverbrauchter Unschuld beginnen ihre durchschnittlich vierminütigen Songs, ein Spaziergang mit ihrem Kater wird in Dream of Ilham zur gedanklichen „Inspiration“, wie Ilham übersetzt heißt: Über die Wege zwischen Himmel und Erde, bei der sie die Stimme mit Leichtigkeit in die Höhe wirft („I look tot he sky/the coulour of live/appears“)und die Unergründlichkeit dieser Wege mit philosophischer Demut und fragenden Tiefen enden lässt. Die nachdenklichen Improvisationen von Bass, Piano und zart zischenden Drums und Hihats erden diese Überlegungen, bevor Ayca die Frage „But do we know/where it leads“ in aller Unschuld, wohl doch etwas ernster wiederholt.

Ist Singen nicht vor Gott treten? Göttliches empfinden und beschören? Sicherlich. Dass die Stimme Spiegel der Seele, ein Klangraum für Kunst und nicht Instrumentarium zu Effektheischerei ist, hat Ayca Mirac begriffen.

Ernstere Stücke umgibt eine archaische Feierlichkeit, so in Menina Da Lua, übersetzt mit Moon Girl, eine mystische Mitgift an sich selbst. Gestrichener Bass und minimal tröpfelnde Töne von den Tasten wie im megrelischen Va Giorko Ma begleiten die bange Frage nach Liebe und Verlust, eine bewegende Mischung aus Wiegenlied und Nachruf. Schwer, sich diesem betörenden Bann zu entziehen, dem westöstlichen Brückenschlag aus Bescheidenheit und Bilderreichtum. Ihr zaghaft-respektvoller Englischakzent bekommt in der dunklen Hommage an ihren Lieblingspianisten Bill Evans noch zusätzlichen Reiz: Grabesstille hängt über Turn Out The Stars und Gastgeigerin Dahpne Oltheten versieht das schleppende Stück zur tiefen Melancholie der Melodiestimme mit schrägen Gegenläufen, bei denen man nicht weiß, ob sie fröhlich trösten oder dem Tod entgegeneilen. Gänsehaut.

Das Album erscheint am 21. September bei Jazzhaus Records, Vertrieb: Inakustik

JHR 157/ EAN 4260075861579/ LC 09471/ Vertrieb: Inakustik

http://www.aycamirac.com

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Kloß im Hals ? Gott erhalt’s!

Cover_HollyHolly Cole meldet sich mit neuem Album zurück

Der Griff zum Great American Songbookut muss kein Armutszeugnis sein. Oft vorsichtiger , manchmal  ängstliche Alterswerkskrönung. Nicht so bei Holly Cole. „Subtext is my friend“ sagt die versierte kanadische Sängerin mit der unverwechselbaren Stimme und lotet sechs Jahre nach ihrem letzten Album Night, wieder Tiefen im Vertrauten aus.

Holly heißt das neue Werk im Zeichen des Swing ganz schlicht und kann als bescheidene Unterschrift verstanden werden unter die Ehrerbietung an die Altvorderen. Dabei ist sie selbst schon legendär und genießt – vor allem in Japan – Kultstatus.

Holly Cole weiß, dass jeder Song eine Geschichte ist, die in der Essenz begriffen, aber doppelt hinterfragt werden muss, um unversehrt und gut interpretiert und überliefert zu werden. Verbeugen, Versichern, Versilbern, diese Kunst beherrscht die 1963 in Halifax geborene  Virtuosin seit ihren Anfängen. 2013 wurde sie mit dem Ella Fitzgerald-Award ausgezeichnet.

Ein vielschichtiges Timbre in Mittellage, das in nur einer Phrase zwischen trockenem Pergament, heiserem Belag und laszivem Raunen cremigem Schmelz in Krokant produzieren und dann in magische Tiefen abtauchen kann.

Dieses Spektrum zwischen mädchenhafter Naivität,  mondäner Wärme und abgeklärter Verruchtheit setzt sie nach wie vor nicht als selbstverliebte Diva ein, sondern mit der großen Gabe des Eintauchens und Drüberstehens als Schauspielerin, die eine Interpretin des Great American Songbook als „Geschichte“ ja auch sein muss. Damit diese nicht an Glanz verliert, sondern immer wieder spannend bleibt.  Leider ist das Cover mehr als mäßig, entfernt sich die brünette Schönheit mit fortschreitendem Alter von fotografischer Authentizität . Live überrascht sie dann umso mehr mit Hannelore Elsner-Flair.  Warum nicht dazu stehen?

Schon im Opener I’m Beginning to See The Light zieht sie uns tänzelnd ins Geschehen, lächelnd, fast amüsiert, ein Glucksen und Drücken und Zischeln, das Glück, aber große Selbstsicherheit birgt. Dazu passt die gedämpfte Posaune von Wycliffe Gordon, der sie auch stimmlich in erstaunlicher Nähe zu Louis Armstrong begleitet (I Was Doing All Right und I Could Write A Book). An den Tasten sitzt kein Geringerer als Orgelgott Larry Goldings, mit dem sie erstmals zusammentrifft und hervorragend harmoniert.

Es folgt funkiger Groove in Your Mind is On Vacation. Typisch Hollys Talent für Blues und minimal gepresste Schnurrer und Stöhner, die üblicherweise als Sexyness gedeutete Art und Weise, mit der Kehle ein launisches Abwägen anzudeuten, ein Liebreiz vortäuschendes Lustprinzip, das auch jederzeit Umschwung und Abgrund bedeuten kann. Wehe dem, der ihre Kraft unterschätzt.

Dass sie zwischen Pop, Blues und Jazz zwischen alles (covern) kann, hat die in Halifax geborene Cole seit ihren ersten Alben „Temptation“ (1990) und der Hommage an Tom Waits 1995 über laszive Interpretationen von Cole Porter,  Irving Berlin oder Henry Mancini.

Auch zum Great American Songbook ist der Reiz, bekannte Titel im Geiste vorzuhören und ihrem Parcours durch die Partitur zu folgen, reizvoll durch die Bereitschaft, sich trotz unterhaltsamer Bequemlichkeit zu Überdrussgefahr auf alte Bestseller doch immer neu einzulassen. Dann spürt man, wie wenig abgeschmackt die Sache bei ihr ist. Zum Walking Bass in Ain’t That a Kick In The Head ihre Überlegungen macht, wirkt sie zunächst naiv, springt zur Querflöte von John Johnson fröhlich wie Alice im Wunderland herum und haut nach dem Fingerschnipsen zum Ende Flüche heraus, als wollte sie sagen: Verdammt, doch wieder verliebt? Wie ist das möglich?

Dieses Changieren zwischen den Polen, die Balance über dem Abgrund, das unschuldige Hoffen und das Wissen um den möglichen oder drohenden Absturz macht Hollys Reiz aus. Register zwischen Panther und Pussycat-Parodie, unbändige Lebensfreude und eine Kraft in der Kehle, die mit einem finalen Holzhackerausruf „Jack“ in die Vollen geht. Schlusston, Aus.  Gleich nochmal Robin Williams Swingalbum hören für einen kleinen Titelvergleich. Je öfter man ihre Songs hört, umso mehr Untertöne kommen zu Vorschein, was für ein Unterschied zur neuen Generation der Piepseprinzessinnen, etwa der so sagenhaft erfolgreichen Sängerin  Stacey Kent, die Selbstvergessenheit vortäuscht, doch wo Tragik keine Rolle spielt. Oder die nicht minder begabte Lisa Bassenge, die sich selten über Selbstbeobachtung herauszuwagen scheint. Schade.

Holly Cole mit all ihren Brüchen und kehligen Kippmomenten ist schwer einzuordnen, am ehesten gleicht ihre Stimme vielleicht Carmen McRae oder Shirley Horn. Wenn sie auf Holly schön langsam Everybody Loves Somebody Sometime anstimmt, sind nach fünf Sekunden Hoffnung wie Bauklötze errichtet. Aus Watte, aus Marshmellows, aus Gips? Der Kloß im Hals folgt auf dem Fuße, indem sie maßvoll und subtil Beschwörungen und Enttäuschung in eins zu packen schafft, ohne dass die Hoffnung ganz stirbt. So dass eine Liebeserklärung in all ihrer Bitterkeit und Ambivalenz stehenbleiben kann. Bei ihr ist dann nicht mehr klar, ob die Angebeteten um reale Person oder Phantom sind.

Die vorbildliche Aufgeräumtheit alter Schule wie in We’ve got a World That Swings kommt bei glänzender Besetzung mit Goldings(Piano), Ben Street (Bass), Justin Faulkner (Bass), Ed Cherry (Guitar) und Scott Robinson an Tenorsaxophon und Flügelhorn schon fast wie eine Fingerübung daher. Barjazzgeplänkel darf man gleichwohl nicht unterstellen. Bester Beweis ist der elfte und letzte Titel Lazy Afternoon, bekannt von ihrem Album Shade (2003). Die träge Stimmung eines verträumten Sommernachmittags auf dem Land („…a fat/ pink cloud/ hangs over the hill/ unfolding/ like a rose./If you hold my hand/ and sit real still/ you can hear /the gras as it grows…“) tröpfelte damals als schwüles Versprechen aus dem Klavier von Aaron Davis.

15 Jahre später überführt sie es zu Larry Goldings bedrohlichem Sog an der Hammond B3 in eine klebrig-kriminelle Veranstaltung, die nur von der versöhnlichen Gitarre und den majestätischen Besen und Hihats aus dem Sumpf des Surrealen gerettet wird. Von ihrer magischen Suggestion hat Holly Cole, die auch schon die Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch intonierte, nichts verloren.

Die CD Holly, produziert von Russ Titelman im Sear Sound Studio New York, erscheint am 28. September im Bremer Label Tradition & Moderne, Vertrieb: Indigo.

T&M 055/Indigo CD 160162/4015698019032

Holly Cole ist ab Februar 2019 auf Deutschlandtournee: http://www.hollycole.com