Nicht denken, ermitteln!

Jens Raschke serviert mit der Uraufführung seines Stücks

Alfred Hitchcock jagt den Kieler Psycho

im Hotel Maritim  eine krude Krimipersiflage

„Waren Sie schon mal auf einer Spurensicherungsparty?“ Wenn Kommissar Beutel seinen Assistenten Braasch einnordet, bleibt kein Auge trocken. Beutel, ein schlecht gelaunter Typ mit Columbo-Trench ist mit allen Ermittler-Wassern gewaschen. Und mit Sekret jeder Art bestens vertraut: „Gas, Wasser, Scheiße“ kommentiert er den Tod eines Proktologen, der am Tatort vor ihm liegt. Dessen Kopf steckt in einer Mikrowelle. Wir schreiben das Jahr 1966. Mikrowelle? „Ja, sündhaft teuer, der Mist“ wie Beutel  erklärt.

Die historische Küchen-Innovation, übrigens seit 1965 auf dem Markt, ist im Stück „Alfred Hitchcock jagt den Kieler Psycho“ nicht nur für den fiktiven Tod eines Kieler Arztes verantwortlich, sondern führt auch zu einem „realen“ Held mit Haupt im Herd: der deutsche Schauspieler Wolfgang Kieling wird Opfer von Paul Newman, der in Hitchcocks 50. Film „Der zerrissene Vorhang“ zeigt, wie aufwändig es ist, jemanden umzubringen. Kieling wird übrigens zunächst von einer Frau mit einem Fleischmesser verletzt, dessen Klinge abbricht, bevor Newman grimassenreich und vergeblich versucht, ihn zu erwürgen. Er wird dann von einem Spaten getroffen, bevor Newman seinen Kopf schließlich in einen Gasofen steckt. Was mag sich der böse Brite Hitchcock dabei gedacht haben?

Das sind Themen, die den Kieler Theaterautor und Regisseur Jens Raschke reizen.  In seiner neuen Inszenierung mit der freien Theater-Gruppe „Deichart“ alias Eirik Behrendt, Matisek Brockhues und Tom Keller, wird neben Fakten von Alfred Hitchcock auch allerlei Fantasie geboten und in bewährter Raschke-Manier zu einem Cocktail rund um Mordlust gemixt, der es in sich hat.

Spielort ist wieder die Backbord-Bar des Kieler Hotels Maritim. Nach den Deichart-Stücken Drüber reden (Regie: Franziska Steiof) und  Kunst (Regie: Anne Spaeter) hat sich das Retro-Ambiente aus den 1970ern mit seinen 50 Plätzen als kleine Kieler Kultstätte bestens bewährt.

Und wie in seinen Stücken Einstein setzt Segel oder Schwarze Schocker, die sich auf kurze Kieler Stippvisiten von Persönlichkeiten wie Albert Einstein und Jimi Hendrix  beziehen, nimmt Jens Raschke historisch verbriefte Geschichte erneut zum Anlass für eine mit Funfacts und Fiktion garnierte Inszenierung aus eigener Feder.

Historisch verbürgt ist die Tatsache, dass Alfred Hitchcock 1966 in Kiel von Bord der Kronprins Harald ging, um im Zuge seiner Pressereise  für „Der zerrissene Vorhang“ von Oslo via Kiel nach Hamburg weiterzureisen. Fantastisch ist Raschkes Idee, den Meister des Suspense in einem Kieler Mordfall um Hilfe zu bitten. Das geschieht nicht ganz freiwillig und so muss der von Reiseübelkeit Geplagte sich zunächst mit den übergriffigen Kommissaren in ein Auto quetschen, um den Hergang der Geschichte zu erfahren.

Drei dubiose Todesfälle in „Kill“, wie Hitchcock Kiel nennt. Der ist des Deutschen mächtig („seit dem Film Irrgarten der Leidenschaft“), um im Verlauf der Handlung immer wieder Akzentreiches anzumerken und sich nolens volens einzubringen:

Ein gewisser August Fröbel starb durch Insektengift, Ludwig Amadeus Behring hatte als Toter eine Handvoll Nutella im Gesicht und der besagte Proktologe mit dem Kopf in der Mikrowelle hinterlässt wie beide anderen auch einen ominösen Zahlencode, dem man auf die Spur kommen will.

Die dicke Berühmtheit  mit filmischem Hang zum Sadismus,  verkörpert von Matisek Brockhues wird hier zum sensiblen Grantler und Grübler, ein historisches Gespenst und fiktives Gespinst gleichermaßen. Köstlich, wie Brockhues sich als kleiner kahler Bauchträger auf der ersten Autofahrt zwischen die übermächtigen Ermittler – Tom Keller als sonor-cholerischer Kommissar Beutel und dem braven Aufsteiger Braasch, ein blondes Bürschchen mit üblem Undercut – und damit in sein Schicksal zwängt. Naja, die Bravo habe schon von der ausländischen Filmpremiere berichtet (und wird als Original flugs geschwenkt –  Ausstattung und Kostüme: Sibylle Meyer) , demnächst wird der Film im Metro-Kino anlaufen, schlechte Presse wäre jetzt hinderlich. Hansjörg Felmy, Wolfgang Kieling, Günther Strack, „das interessiert die deutsche Öffentlichkeit!“ Also muss Hitch wohl ran.

Noch mimen sie auf einem Polstersessel ein kindertheatrales Fahrt-Gewackel, ungemütlich für den reisekranken Hitchcock, später aber auch fürs Publikum. Denn Regisseur Raschke wäre nicht Regisseur Raschke, würde er den Stoff dramaturgisch nicht so zuspitzen, dass denen, die sich in komödiantischer Sicherheit wähnen, nicht auch ein bisschen der Allerwerteste auf Grundeis ginge.

Natürlich geht es auch um die Hitchcocks Filme. Sie werden durch einen Regietrick (fast) alle eine Rolle spielen. Und wenn das Publikum sich gerade in der Rahmenhandlung mit drei Kieler Toten eingerichtet hat, macht Raschke ein neues Fass auf.

Er konfrontiert Protagonisten und Publikum mit der NS-Vergangenheit. Der Krieg ist 21 Jahre her, die Nazis drohen 1967 wieder in den Landtag einzuziehen…Eingebunden in die Ermittlungen, von albernen Witzen über verdächtige Initialen (A.H. – aha!!! – Hitchcock oder Hitler?) über eine Monologszene, in der Hitchcock über die Totenberge ermordeter Juden sinnieren lässt bis zur zentralen Szene, die den legendären Film „Psycho“ zitiert. Ohne zuviel zu verraten, kann gesagt werden, dass Tom Keller und Eirik Behrendt hier beängstigend reale  Zerrbilder von Psychopathen abgeben und Raschke sich nebenbei eines wirkmächtigen Mittels von Altmeister Hitchcock bedient: Den Zuschauer als Voyeur zu entlarven und Köpfe rauchen zu lassen..

Die Szene zwischen einem vermeintlichen Norman Bates und seiner vermeintlichen Mutter gerinnt vor dem Hintergrund von Krieg und Holocaust vom kriminalistischen Kitzel zum Sinnbild kollektiven Gewalt-Traumas. Und so irritierend wie der blonde Sparschnitt eines eifrigen Kommissaranwärters, der beflissen seinem Chef zu Diensten ist, so irritierend ist die miese Laune seines Herrn, der sich mit Sprüchen und Sarkasmen durch die Handlung wettert: „Sie sollen nicht denken, Braasch, Sie sollen ermitteln!“ Aus demselben Munde darf man später eine wütende Metapher vernehmen über Deutschland als „Arschloch“, ein Land, das in Sachen Vergangenheitsbewältigung mangelnde Analhygiene zeigt: „Irgendwann juckt es doch…“

Immer wieder faszinierend, wie der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autor und Theatermacher, Lokalkolorit und gründlich recherchierte Geschichte in eine farce-gemäß unterhaltsame Handlung einbettet. Wo sich seine anarchische Humorebene auf Augenhöhe begibt mit Anspielungen auf vergangene und heutige Filmgeschichte oder deutsche Eigenarten. Im „Land der Killer und Kopfrechner“ darf sich Hitchcock über manches wundern, etwa das Insektengift DDT phonetisch mit der DDR verwechseln. Der Mann, der (verbrieft) kein Blut sehen kann, kippt Bloody Marys aus Laborgläsern und grantelt wie ein Kind mit Lätzchen am Wirtshaustisch über das deutsche Essen, eine Szene wie aus dem Kinderbilderbuch. Nicht minder komisch, wie am grauen Telefon hantiert wird: „Verwählt!“.  Auch sonst wird viel Zeitgeist versprüht. Wenn Eirik Behrendt später als Kieler Jung Sprachfehler mit Bombennächten erklärt, bleibt das Kieler Lachen im Hals stecken und in Tom Keller tritt die dumpfe Brutalität im warmen Bass ebenso hervor wie eine feige Furcht seiner Figure(n )vor der verdrängten Vergangenheit. Matisek Brockhues, häufig als kopflastig ernster Charakter besetzt, gibt hier einen leicht clownesken Hitchcock, der fern von Drehorten und der (verbürgten) mütterlichen Obhut seiner Ehefrau Alma deplatziert scheint. Umso krasser die hanebüchene Lösung des Falls, bei der geniale Regisseur  nicht gut wegkommt.

Am Schluss gibt es eine abstruse Lösung und zwei Tote mehr. Und so wie die sich gegenseitig mit ihren Krawatten würgen, gibt es für Alfred Hitchcock gleich eine neue mörderische Filmidee…Filmfreunde wissen es: Frenzy. Aber natürlich ist das alles frei erfunden!

Einmal mehr erweist sich die skurrile Bar im Hotel Maritim als passender Spielort. Hier wurden ja auch schon Kieler Tatorte mit Kommissar Klaus Borowski gedreht, der im Stück natürlich zu satirischen Ehren kommt.

Raschkes Faible für den Mix aus Fakten und Fantasie schlägt mit Alfred Hitchcock jagt den Kieler Psycho das Krimigenre mit eigenen Mitteln. Auch wenn er die Pole bitterer Ernst und böser Humor bisweilen krass klaffen lässt, ist dem Ensemble ein gutes Gespür für den feinen Firniss darüber zu eigen. Vielleicht muss man es auch mit Oscar Wilde halten, der mal sagte:

If you want to tell people the truth, make them laugh. Otherwise they kill you.

Nächste Aufführung: 29.Februar 20 Uhr. Hotel Maritim, Bismarckallee 2

24105 Kiel,  Karten und Info unter: www.deich-art.de

Fotos: Marija Behrendt

Weißer Scheiß? Dünnes Eis!

 

 

Anne Spaeter inszeniert Yasmina Rezas Komödie KUNST

mit der Gruppe DEICHART in der Backbord-Bar des Kieler Hotels Maritim

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„Die Vibration der Monochromie überkommt einen nicht bei künstlichem Licht.“ Serge (Matisek Brockhues, vorn)  zweifelt am Kunstsinn seiner Freunde (v.l. Eirik Behrendt und Tom Keller). Foto: Marija Behrendt.

Kiel. Natürlich geht es nicht wirklich um Kunst in „Kunst“. Das 1994 in Paris uraufgeführte Theaterstück von Yasmina Reza, preisgekrönt und in 40 Sprachen übersetzt, führt drei gekränkte Männer in die Manege, die um ihre Freundschaft ringen. Warum? Weil der eine, Serge, sich ein Bild für 70000 Euro gekauft hat. Monochrom. Weiß. Nichts drauf. Voller Stolz zeigt er es zuerst Marc, der lacht und findet diese Summe für diese „Scheiße“ recht hoch. Danach dem indifferenten Yvan, der sagt: „Wenn es ihm Spaß macht…?“

An diesen verräterisch empfundenen Reaktionen entzündet sich Zorn des Kunstliebhabers entfacht eine, wie auch in Yasmina Rezas weiteren Erfolgsstücken wie „Drei Mal Leben „ oder „Der Gott des Gemetzels“ explosive Dynamik.

Der Sprengstoff in diesem vor allem auf das Bildungsbürgertum zielenden Theater-Dauerbrenner mit großen Boulevard-Qualitäten „(„Es geht um Nuancen“) liegt nur vordergründig in vermeintlicher Kennerschaft oder Geschmacksfragen, über die ja bekanntlich nicht zu streiten ist. Die Kernfrage ist wohl eher philosophisch: Wie funktioniert Kommunikation?  Wie eigensinnig Wahrnehmung, wie egoistisch Bewertung? Wie geht Freundschaft und wozu dient sie? Wie Menschen, die Zustimmung und Zusammenhalt brauchen sich gegenseitig ihre(r) Vertrautheit (ver-)sichern, wie sie Verbündete finden, sich verletzen und verraten. Und zwar in fliegendem Wechsel.

Ein ideales Stück für Deichart, denn was für jede Beziehung gilt, bekommt in der bewährten Dreierkonstellation eine besondere Note und so ist dies auch an Sartres „geschlossene Gesellschaft“ mit dem legendären Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ erinnernde Ausweglosigkeit ein feines Fressen für die drei Ambivalenz-Experten Matisek Brockhues (Serge), Eirik Behrendt (Yvan) und Tom Keller (Marc).

Sie haben die „Kunst“- erfahrene Regisseurin Anne Spaeter eingeladen, das Stück auch in Kiel, in der Bar des Hotel Maritim zu inszenieren. Vertrautes Ambiente, denn hier zeigt die Gruppe in unmittelbarer Nähe zum Publikum seit vier Jahren das Bar-Stück „Darüber reden“ (nach Julian Barnes). Und beweist nun, dass ein auch auf großen Bühnen laufendes Stück wie „Kunst“ in wohliger Wohnzimmeratmosphäre dichte Qualitäten entfaltet.

Strenger Purismus? Fehlanzeige. Die stilistisch bizarre Backbord-Bar des Hotels stellt mit grünen Sofas, Spiegelwänden und rot gemustertem Teppich nebst Stühlen mit Messingrahmen eine Herausforderung an den Abstraktionswillen dar. Da tritt das weiße Ölgemälde, das im Stück zur Projektionsfläche wird, nur umso stärker hervor.

Denn es steht tatsächlich als Requisit in den Originalmaßen 1,60 mal 1, 20 Meter in einer Ecke des Raums und wird vom zwischen Besitzerstolz und Wut schäumenden Serge ständig ent- und wieder verhüllt.

Ausstatterin Sibylle Meyer hat es gefertigt und die Spieler dazu passend in helle Kleidung gesteckt, was weniger sommerlich anmutet, als ihnen im Dunkel des Raums hervorragend herausgestellte Charakterzüge in quasi weißer Weste verpasst: Der Kunstfreund Serge, Dermatologe in weißer Hose und ockerfarbenem Cordsakko, intellektuell, eitel, eine akkurate Autorität, dessen narzisstischen Kränkungen Matisek Brockhues in gewohnter Präzision mit sprachlichem Seziermesser Gestalt gibt. Tom Keller, dem oft donnernd naturalistische Typen gelingen, kommt hier als Raumfahrtingenieur Marc trotz einnehmend sonorer Stimme als empfindliches Strickjacken-Sensibelchen mit Graustufen rüber. Ein schnell unwirsch werdender, das Bild zu „Scheiße“ erklärender Technokrat und Banause? Kaum zu glauben, dass er ständig homöopathische Kügelchen einwirft und sich im Finale als wahrhaft liebender Freund entpuppt.

Die körperlich sportlichste Leistung vollbringt Eirik Behrendt. Im unschuldig weißem T-Shirt steht der Papierwarenvertreter als ungestümer Luftikus und beruflich ewiger Fehlschläger vor einer Zweck-Heirat. Ohne Arg, schwankend zwischen der Hysterie von Braut und Schwiegermutter ebenso wie seiner eigenen wirft er sich auf das Sofa zwischen die Freunde wie ein Schoßhund, skeptisch beäugt von seinen diese Nähe schwer ertragenden Kumpels. Und so, wie er selbst über alles in Verzweiflung gerät und später einen fulminanten Weinkrampf hinlegt, verhalten sich auch seine Freude Serge und Marc letztlich auch immer so, wie sie es an anderen verachten. Sie bevormunden und maßregeln sich, wollen einander gefallen, aber den geraden Austausch kriegen sie nicht hin.

Regisseurin Anne Spaeter, die das Stück 2015 am Essener Grillo-Theater auf eine weiße Zen-Drehbühne stellte, verwebt in der braunroten Backbord Bar des Kieler Hotels Maritim die Monologe, Dialoge und Dreiertreffen zu einem stufenlosen Nebeneinander, das Abgänge sehr geschickt als Anwesenheiten umsetzt und das Publikum zum Komplizen wie zum Voyeur macht. Mal liegt Serge mit Buch auf dem Kopf wie zum Mittagsschlaf auf dem Sofa, im Vordergrund streiten Marc und Yvan. Mal steht Serge mit verschränkten Armen beleidigt vor der Wand, die perfiderweise ein Spiegel ist. Da echte Abgänge nicht gehen, bleibt auch das Dasein bedrückend präsent. Und wir sitzen daneben. Zu Gast bei Freunden. Mitten im Thema. Machtspiele unter Männern. Auch Frauen bekannt.  Das brillant verzahnte Stück fordert  zum Nachdenken über Verständigung heraus und zeigt, wie ausgefuchst die Freunde aneinander vorbeireden.

Finden wir den Begriff „Dekonstruktion“ angemessen oder verfehlt? Sind auch wir „subaltern, hybride und schlaff“? Mit wem identifizieren wir uns? Mit dem „Speichellecker“ oder dem „Feind der Moderne, ohne Humor“?

Stehen wir drüber, dass Farbe und Form im Bild fehlen, diese „Schlacken“, wie Marc hilflos höhnt? Fragen wir uns am Ende mit dem von seinen eigenen Suggestionen und Eifersucht in die Enge getriebenen Serge: „Warum habe ich es gekauft, wenn ich es nicht mag?“.

Je später der kurzweilige Abend, umso brüchiger der Boden. Es geht ans Eingemachte und die Bewertungen über das Bild gehen in Beurteilungen über das Leben der anderen über. Denn wenn die Anerkennung ausbleibt, muss im Außen nach Feinden gesucht werden. Und das geht weiter, als der jeweils Angeklagte ahnt. Da wird abgerechnet, geschimpft und geschludert und sich verschworen. Zwei gegen einen, einer gegen alle. Bild zurückgeben? Hochzeit von Yvan absagen? Und überhaupt, die „reizlose und runzlige“ Freundin von Marc, geht das eigentlich, wie sie ihren Zigarettenrauch wegfächelt, in einer „kalkulierbaren Gebärde von fast bösartigem Überdruss“?

Matisek Brockhues ringt zunächst mit Marc, bis beide sich auf Yvan stürzen, ein Buckeln und Treten beginnt, bei dem Serge sich als vermeintliche Objektivster als der Überheblichste zeigt und seine  eigene Bosheit auf die anderen projiziert.  Doch auch die anderen unterliegen den Mechanismen zwischen Dominanzwillen, Feigheit, Anpassungsbereitschaft aus echter Zuneigung und der Häme, die als innerer Monolog dem Publikum wie in Erzählerfunktion berichtet wird. Überraschend offenbart auch Marc später Sätze wie:  „Ich habe euch formen müssen“. Und wenn dieser Marc Serge ganz ehrlich nach Hintergründen seiner früheren Heuchelei über seine Frau fragt: „Was ist es, jenseits des Runzligen“, kann Serge den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen und bleibt die authentische Antwort schuldig. Es gibt kein 1:1-Verhalten mehr, alles liegt auf der Goldwaage. Selbst Worte des Trostes und der Versöhnung kommen immer wieder als Übergriff daher und die Freunde verheddern sich im Wunsch nach Zustimmung  in komischen Klimmzügen und wechseln permanent Seiten und Ebenen. Sehr kompliziert, sehr fein austariert im Text. So dienen Kunstsinn und Intellekt Yasmina Reza als Vorwand, um eine ihrer psychologischen Parabeln zu präsentieren.DeichArt_Kunst_12

Eine harte Nuss, diese „Dekonstruktion“. Genau wie  die  Kommunikation, an der sich drei Männer wunderbar abarbeiten. Foto: Marija Behrendt.

Sehr schön, wie Anne Spaeter Strenge, Verletzbarkeit und kindlichem Drama in den Männern Ernst verleiht und ihre Konflikte satirisch auflädt ohne sie zu karikieren. In einer Pseudo-Verbrüderungsszene zeigt sie die verkrampfte männliche Umarmung so lebensnah und alltäglich, das man meint, in den sportlich Verkrallten und Kampfbereiten auch alte Bekannte zu sehen.. Wie soll da die „Zärtlichkeit“ aufkommen, die Serge eingangs mit Marc vermisst, das „Bemühen“?

Mit dem Grat zwischen Bedürftigkeit und Bewertung spielt die Autorin wunderbar. Nicht von ungefähr liegt Seneca auf dem Tisch: Vom glücklichen Leben. „Lies es, ein Meisterwerk“ bemerkt Serge Marc gegenüber. Doch was hat er selbst davon verstanden? Lauert die Maßregelung im Ohr des Opfers oder war sie Absicht? Wie wohltuend, wenn da, etwas albern, aber schön synchron Marc und Yvan hinter das Sofa fassen und mit Jungeneifer die Playstation-Geräte fischen und mimisch selbstvergessen einträchtig einfach nur „spielen“.

Und so naiv, wie sie in dieser Szene wirken, wird Yvan später ganz beiläufig die zentrale Frage, die er sich bei seinem Psychiater notiert hat, bestaunen wie einen seltsamen Kinderreim:

„Wenn ich ich bin/ weil ich ich bin/und du du bist/ weil du du bist/ bin ich ich und du bist du/ wenn ich hingegen ich bin/ weil du du bist/ und wenn du du bist/ weil ich ich bin/ dann bin ich nicht ich/und du bist nicht du/

Ganz einfach. Philosophie. Alles eine Frage der Perspektive. Und so, wie die  Figuren  um der Freundschaft und des lieben Friedens willen die Augen über dem Weiß zusammenkneifen, zustimmen, Wohlmeinendes aus Angst von sich geben oder ehrlich aggressiv mit der Tür der Meinung ins Haus fallen, sich vorführen, verhören und verkloppen, balancieren Matisek Brockhues, Eirik Behrendt und Tom Keller verlässlich  zwischen Jungskabbelei und Männerseelendurchleuchtung. Zwischen bester Unterhaltung und Tiefgang. Wie sie ihrer eigenen Aufregung zuschauen, an Nusstüten nesteln, sich ins Schmollen schicken, macht viel Spaß zu verfolgen und kommt (fast) ohne plakatives Ausstellen aus. Das Publikum darf am Getränk nippen, schlucken und lachen. Über Kunstkritik schlechthin und des Kaisers neue Kleider auch. Und wir dürfen uns fragen, ob die Schatten der Drei auf der weißen Leinwand Beleuchtungszufall oder eine Anspielung auf das Platonsche Höhlengleichnis sind? Wer weiß. Denn um Kunst geht es ja nicht wirklich. Vielleicht um die „Idee“ von Kunst. Und das Bild, das wir uns machen. Von uns selbst, von der Welt, vom Gegenüber. Was ist da nichts, was ist da was?Dünnes Eis, dieses Weiß! Am Ende spielt dann ein Filzstift als Freundschaftsbeweis eine tragende Rolle. Doppelter Boden garantiert.

Nächste Aufführungen: 14.10., 4.11., 18.11., 2.12., 9.12. und 29.12. jeweils 20 Uhr. In der Maritim Backbord Bar. Maritim Hotel Bellevue, Bismarckallee 2, 24105 Kiel. Karten: Tel. 0431-901901 www.theater-kiel.de, Deichart-Newsletter unter:  www. deich-art.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe, Angst, Befremden

Das Integratives Theater Kiel zeigte als Gast im Theater im Werftpark das Stück:

An einem Ort. Jetzt.

Ein Mann und eine Frau. Ausgelassen zieht sie ihn auf die Bühne, fröhlich, verliebt.

Behände balancieren sie über gereihte Pappboxen, die wie ein Mäuerchen im Vordergrund stehen, lachend die ganze Leichtigkeit des Seins versprühend.

Lange wird es nicht dauern, das Idyll.

Kaum haben sie sich niedergelassen, kriechen von hinten Gestalten heran wie Insekten, schieben sich mit blauen Schuhschonern scharrend vorwärts, überwinden die Mauer, an der das Paar ein Päuschen macht. Tja. Gemütlichkeit kennt Grenzen.

Plötzlich sind sie da: Die Anderen. Wer ist diese lärmende Gruppe, die sich flugs Sonnenbrillen und raschelnde Papiertüten auf den Kopf setzt und sich zu den Zweien gesellt? Die Gruppe, der man den Rücken kehrte? Eine Gemeinschaft, der Rest vom Fest, die Großfamilie, die „Gesellschaft“ oder völlig Fremde?

In diesem Moment, in dieser Szene sind sie Eindringlinge, die den romantischen Frieden stören.

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Fotos: Eike Heimann

Doch das Integrative Theater Kiel, das unter der Regie von Theaterpädagogin Raija Ehlers in dieser Art Situationen kreiert, löst Angedeutetes schnell auf und lässt blitzschnell neue Bilder und Bewegungen entstehen.

Kurzes Stocken, dann folgt ein Schnattern, Shakehands, Begrüßen und Erzählen. Aha. Nochmal gut gegangen –  der Platz an der Sonne – wir teilen ihn.

So ließe sich die Eingangsszene des diesjährigen Stückes mit dem Titel „An einem Ort. Jetzt“ deuten: Als Beispiel geglückter Begegnungen.

Denn was dann in bewährter Manier spielerisch, tänzerisch, stumm, dialogisch oder chorisch in einem Szenenreigen formiert folgt, setzt bewegende Schlaglichter auf Befindlichkeiten und besitzt persönlichen und politischen Zündstoff.

Nach und nach ploppen einfache Sätze auf und steigen mal wie Seifenblasen, mal wie Stinkbomben in die Luft.

„Man wird verrückt hier. Immer nur Arbeit, Arbeit“.

„Du musst lächeln, immer tolerant sein“. „Wann ist immer?“ „Immer nur warten“ aber auch vage Hoffnungen: „Ich freu mich auf die Zukunft“ setzt die Gruppe Marker. Mosaik-Module und Blitzlichter, Andeutungen, Möglichkeiten.

Dann rastet einer aus und ruft: „Ich könnte…. Ich könnte, ich bin so kurz davor!“

Und schon sind die Papierhüten auf dem Kopf in der Eröffnungsszene in sachte raschelnde Schlagstöcke verwandelt, mit denen in noch gezähmter Ungeduld rhythmisch auf Handflächen geschlagen wird, um zu schauen, wo es Kanäle gibt, ob Krawall droht.

Doch dann folgt eine weitere Szenenauflösung. Tanz.

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Liegt es nahe, hier Betroffenheitstheater und gruppendynamische Prozesse von Laien zu belächeln? Weit gefehlt.

Unter der Regie von Raija Ehlers gelingt verlässlich im nunmehr 15.  Jahr mit wunderbar einfachen Mitteln ein Inszenierung, die Theater, Tanz- und Performance-Elemente als Collage so wahrhaftig und poetisch verknüpft, dass einem nicht selten der Atem stockt.

„Thomas, hörst du mir zu? Du bist der einzige, der mir zuhört“. Eine blonde Kurzhaarige vertraut sich in einer anderen Szene einem liebevoll brummenden Brünetten mit Fragen an. Ob Tiere auch Depressionen haben? „Warum kann ich nicht einfach gehen?“ Sätze wie aus dem Nichts, die ganze Kosmen öffnen. Doch hier wird nichts plakativ ausgestellt. Bevor Worte ganz wirken können, geschieht wieder etwas. Das Leben haut dazwischen. Ein drahtiger Mann kommt hinzu. Auch er braucht Zuwendung. Der Kopf des willigen Zuhörers am Boden wird manipuliert, mechanisch hin und hergedreht, es wird gezerrt, versucht, den Konkurrenten wegzuschleifen, bis der Nachzügler schreit: „Ihr Frauen seid doch alle gleich!“ Und die Frau brüllt: „Ich hau dir in die Fresse!“.

Selten war hier so schnell Aggression im Raum. Wer wollte leugnen, dass sie die gesellschaftliche Situation spiegelt? Doch hier sind keine Profi-Schauspieler am Werk, die Texte aus dem Selbsterfahrungsseminar runtersprechen. Keine Theaterbeamten, die sich in Authentizitätsposen werfen.

14 Männer und Frauen haben sich wie jedes Jahr in monatelanger Probenarbeit mit Improvisation, körperlich und seelisch anstrengender und forschend- experimenteller Arbeit als Amateure, doch Experten für ihre eigenen, subjektiven und offensichtlich objektiv relevanten Themen auseinandergesetzt. Haben im geschützten Probenraum Grenzerfahrungen gemacht, sich selbst und andere besser kennen gelernt, Berührungen und Körpersprache neu entdeckt und die Möglichkeiten theatralen Ausdrucks modelliert, bis am Ende eines künstlerisch-pädagogischen Prozesses ein gemeinsames Thema gefunden wurde.

Laut Ankündigung geht es im diesjährigen Stück „an einem Ort. Jetzt“ um „zufällige Begegnungen zwischen Hoffnung und Desillusionierung, Heiterkeit und Befremdung“. Subsummiert mit dem Satz: „Was mache ich hier?“

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Sehr konkret, aber auch mit reduziert- abstrahierender Ästhetik werden Sehnsüchte und Bedürfnisse, Meinungen und Befindlichkeiten, Ansichten und Trugschlüsse ausgelotet. Es gibt Wut und Zärtlichkeit, Freude und Schmerz und die vielen Zwischentöne und Ambivalenzen, die jeder menschlichen Begegnung innewohnen.

Kurze Standbilder wechseln mit Dialogen oder Gruppenaktion, es gibt tänzerische Intermezzi, alles rund um wenige weiße Pappkartons als variable Bühnenelemente.

Da schmiegen sich Köpfe in die angewinkelten Arme von Stehenden, die wie Statuen wirken. Da wird sich bildhaft Nähe erschlichen oder Kontakt kompatibel gemacht, man schaut, ob man unterkommt, passt, macht Angebote, lädt sich ein oder andere ein, erschleicht sich Raum, bietet Geborgenheit.

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Da tragen die Frauen Wasser in den Handhöhlen, um stehend wie Göttinnen den liegend lechzenden ein Männern ein paar Tropfen zu gönnen. Begehren, dosiert.Wasserspende

Da gehen zwei Männer Hand in Hand über die Bühne, in stummer Eintracht, bleiben schüchtern stehen im Bühnenhintergrund, die Schulter zuckend, als ob sie sich fragen: Und, was jetzt? Gibt es ein Problem? Liebe womöglich?

Da gerät ein Pas de deux aus Mann und Frau zum Tanz zwischen Kontrolle und Gehorsam, aus Gleichschritt und Schattentanz wird der Mann in die (Beziehungs-) Kiste gesteckt. Am Ende ist es ein Kampf um Liebesmacht, das Verführen ganz aufrecht ein fast polizeiliches Abführen: die Frau mit der Faust im Hemdrücken des Mannes.

Beziehungskiste

 

Es ist unser aller Kontext. Es sind Momente, die wir kennen oder imaginieren, die hier projiziert, imitiert und initiiert werden, schlicht, schön. Und erschreckend.

Es sind Kippmomente, die viel ästhetische Kraft haben und mit einfachen Mitteln zur Darstellung kommen.

Da seit zwei Produktionen auch Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan unter den Spielenden sind, verdichten sich die Themen rund um persönliche Perspektiven, Glück, Partnerschaft, psychologische oder philosophische Fragen jetzt merklich Richtung Kultur und: Kulturen.

Und der integrative Aspekt, Gott sei Dank nicht vom Modewort „Inklusion“ ersetzt, erhält neue Facetten, die auch zu neuen Fragen führen.

Was ist das Fremde (an mir), was bedeutet fremd sein? Es wird eruiert, illustriert, diskutiert.

Spürbar vom Tanztheater, etwa Pina Bauschs „Kontakthof“ beeinflusst, aber mit dem melancholischen Unterton ihres Landsmannes Aki Kaurismäki, der Rockmusik der 60er/70er Jahre oder den Deutlichkeiten Autorinnen wie Yasmina Reza oder Elfriede Jelinek gestreift, gelingt Raija Ehlers die Brücke aus sozialer Arbeit und Theaterkunst, die in Schleswig-Holstein sicherlich ihresgleichen sucht.

Sprache ist  nicht zweitrangig, sondern wird um ihrer selbst willen ganz schlicht und oft mehrdeutig eingesetzt. Als O-Ton der Spielenden aus den Impros in die Aufführung überführt. „Ich bin einsam. Und ich bin sexy“ sagt eine Frau und streicht sich über ihre Rundungen. „Ich habe mein Teil vom Glück nicht gehabt“, sagt eine andere.  Wer würde da nicht selbst aus eigenem Erleben unterschreiben?

Wenn ein junger ausländischer Spieler fragt, was sein wird, wenn er  „all die landesüblichen Begegnungspirouetten“ beherrsche, die er zwischen zig Institutionen von Jobcenterflur bis Partysmalltalk aufzählt, „werde ich dann immer noch Angst haben? Und werden die anderen vor mir noch Angst haben?“ Es ist derselbe junge Mann, der es locker schafft, akrobatische Bühnenabgänge im Liegestütz springend (!) zu bewältigen. Derselbe, der später Hand in Hand mit einem anderen Mann über die Bühne gehen wird und es keimt die Ahnung, dass seine Ängste nicht nur grammatikalischer Art sind.

Ein Fass ohne Boden, das Unzureichendsein, der Wahnsinn der Optimierungsoptionen.

Sprache wird als intellektuelle Hülse auch gebrochen. Und es wird ganz unironisch diskutiert. Über Geschmack, über Gewohnheiten, über Kultur.

Wer ist wie seine Suppe? Mit oder ohne Brot? Geht das denn auch anders? Wie dürfen Männer und Frauen sitzen? Sollen sie separat agieren? Klingt Folklore zur orientalischen Tanbour schöner oder „Datt du mien Leevsten büst“ a capella?

„Ich hab sie satt, Eure Belanglosigkeiten“, schreit dann eine Spielerin.

Also lieber hoch akademisch? Beim abgehobenen Vortrag eines Spielers kriechen die Zuhörer ermattet auf allen Vieren davon, eine Hand am Ohr. Es fliegen Sätze über „Deutungshoheit“ durch den Raum oder Aussagen wie „Deine Nichtmeinung ist Interpretationsfreiwild.“

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Immer liegen Ernst und Lachen, Schlucken und mögliches Amüsement gleichberechtigt in der Luft, getragen von Andeutungen und echtem Diskurs und der gesellschaftlichen Spiegelfunktion, die das Ensemble natürlich auch hat.

Deutlich wird: Wir schauen uns an. Wir hören uns selbst.

Und fragen mit: Was ist fremd? Das „Luxusfremdsein“ beim Reisen? Das, was man nicht mag, weil man es nicht kennt? Das, was „andere typisch anders machen?“ „Ich bin fremd ohne Liebe“, sagt einer und das klingt besonders lang nach.

Der zentrale Satz des Abends wird chorisch gesprochen:

„Was aber, wenn alles zugleich gegenwärtig ist ohne ein Nacheinander an unterschiedlichen Orten zuzulassen?“

 

Eine ganz einfache Frage mit gewaltigem Unterbau. Philosophisches Futter, das Regisseurin Raija Ehlers klug einbaut. Eine Frage, die wohl jeden umtreibt, der in globalisierten, durchdigitalisierten Paralleluniversen Unvereinbarkeiten spürt und privat wie politisch um Kräfte-, Bedürfnis- und Besitzstandswahrung ringt.

Das Integrative Theater veranschaulicht dies zum Ende des Stücks in immer dichteren Szenen. Eine Frau wandert auf einem Stuhl sitzend durch die bewegte Menge und deutet die Arie der Königin der Nacht an, ein Gackern, das stoisch und ein wenig verzweifelt wirkt. Eine andere läuft in der chaotischen Gemengelage mit einer Wasserspritzpistole umher und wiederholt: „Ich knall dich ab“.

Wir dürfen uns fragen, wie Leben in Sicherheit geht, wie Kunst(genuss) gelingen kann, wenn die Konflikte allgegenwärtig sind? Wer hört wen noch? Wer gehört dazu, wer hört wem zu? Was hilft das alles?

Wie lange kann man Meinungen haben oder austauschen bis zur Eskalation?

Denn die krasseste Szene im Stück ist die, bei der über Kunst diskutiert wird. Ein Rollstuhlfahrer fährt mit eingefärbten Rädern über ein Tuch. Dies wird als Leinwand (also Kunst- Projektionsfläche) von zwei Männern vertikal gehalten. Andere palavern und produzieren sich davor, bis sich eine junge Frau davor postiert und das Thema wechselt „Der fickt jetzt einfach die andere?“

Sandwurf

 

Ein Ausfall, der aus dem Kontext gerissen scheint. Da nimmt sich eine Frau drastisch das Wort, sprengt bedeutsame Diskurse mit persönlicher Eifersucht oder Rache, stellt gar einen Künstler an den Pranger und sich selbst in den Mittelpunkt und: Wird mit Dreck beworfen. Nach und nach holen die Männer Sand aus einem Eimer und werfen in ihr ins Gesicht. Tribunal. Schändung. Scham. Schande. Die Frauen, die das mit ansehen, tun nichts. Wenn sie später Symbole von Kreuzabnahme, Wundversorgung und Labsal zitieren und die Geschändete pflegen, stampfen die Männer als Kollektiv mit militanten Schritten ab. Stille im Raum.

Cut.

Am Anschluss schreiten die Männer zu einem finnischen Tango mit geballten Fäusten im Raum umher und tragen abwechselnd eine zarte Frau im Klammergriff um die Hüften. Sie tanzen nicht gemeinsam, die Frau schaut passiv über die Köpfe hinweg, überragt alles und bleibt doch ignoriert und ausgestellt. Eine schöne, schaurige Szene, bei der nicht klar ist, ob man sie feiern und hochleben lassen will oder zur toten Puppe und Trophäe macht, ein Instrument männlicher Macht.

Tja, was nun mit der Deutungshoheit? Jemand im Raum, der nicht an Vergewaltigung oder gar Steinigungen dachte? Was geht auf der Bühne? Was geht im Alltag?

Was geht auf, was unter in den Kulturen, die alle für sich dann doch noch nicht ausdiskutiert haben?

Adam

Am Ende kehrt wieder Ruhe in die Bilder. Ein junger Mann baut sich aus Kästen ein Haus, schreibt: „Adam, drei Mal klingeln“ an die Tür und setzt sich glücklich in den kleinen Kasten. Basisarbeit. Wohl dem, der ein Haus hat oder gar: Heimat.

In der letzten Szene sitzen zwei Frauen zusammen. Die eine zündet sich eine Zigarette an und sagt: “Das ist immer schwer für mich. Die Morgendämmerung”.

Die andere: “Wieso?” —-Pause, Ziehen an der Zigarette: und dann. „…da kommt doch noch ein ganzer Tag.”

Den zu bewältigen, bleibt eine Herausforderung. Für jeden von uns. Dass wir, Medien hin oder her, immer „An einem Ort. Jetzt“ sind, sollte auch dazu führen, die Frage: Was mache ich hier? nicht mit Verwunderung, sondern mit der Entscheidung zum Handeln zu beantworten.  Und wie?

Welche Kraft Kunst hat, ist spürbar. Wie wichtig Zugehörigkeit ist, auch. Klöße im Hals zu lösen oder herzustellen, es bleibt das wunderbare Wechselspiel der Kunstform Theater. Man geht mit wehen Gefühlen und vielen Gedanken nach Hause.  Muss es immer große Oper sein? Die hier dargestellten großen und kleinen Dramen, diese Bilder, zwischen (Körper-) Sprache und Musik  in ganz eigenem und gemeinsam erarbeiteten Stil zu  zeigen, ist das Verdienst von Ehlers’ kompetenter Führung und einfühlsamer künstlerisch-pädagogischer Begleitung.

Dass die Begeisterung im Publikum enorm ist, geht bei weitem über die Anteilnahme Angehöriger hinaus, sondern ist auch Beweis dafür, wie weit eine langjährig geförderte Institution wie das Integrative Theater neben „inklusiven“ Ansprüchen auch im Sinne des politisch gestützten Kulturauftrages künstlerisch gewachsen ist und was sie be wirken kann.

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Theaterpädagogin Raija Ehlers                                                                            Foto: Almut Behl

Bleibt zu hoffen, dass dieses hoch diszipliniert geführte Theater, das seinen Mitgliedern viel Kraft abverlangt, aber ebensoviel Kraft entstehen lässt (und Kunst generiert, die in ähnlicher Form in anderen Bundesländern eigene Häuser bespielt und eigene Festivals bestreitet), Kiel und dem Land Schleswig-Holstein noch lange erhalten bleibt.

Die Aufführungen fanden am 9.7. sowie 11. 14. Und 16. Juli 2017 auf der großen Bühne des Theaters im Werftpark, Kiel statt.

Es spielten: Anil Ahmadi, Tarek Altamil, Sven Friedel, Carola Föge, Antje Haase, Björn Hansen, Michael Klatt, Ulrike Kreikemeier, Regina Lindow, Gabriele Lüneburg, Mustafa Mustafa, Salah Mustafa, Birgit Rodemund und Nadine Prager.

Assistenz: Claudia Schmidt, Susanna Gonzalez, Christoph Ortmann.

Licht: Jan Marques Bockholt, Ton: Lennart Slenders.

Texte: SpielerInnen, Raija Ehlers.

Das Integrative Theater steht unter der Trägerschaft des Vereins: neue Arbeit – Neue Kultur Kiel e.V.

Es wird unterstützt von:

Brücke SH, Die Pumpe e.V., Stiftung Drachensee, Förderverein Integratives Theater Kiel

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Läuterung im Lamettabad

Schauspielstar Philipp Hochmair und die Elektrohand Gottes grüßten mit Jedermann Reloaded auf dem internationalen Thespis-Monodrama-Festival Kiel mit einer Performance ulkig aus der Vorhölle

Fotos: Erik Nielsen

Kiel. Das Tolle am  Thespis -Festival ist, dass man vor der Haustür  Hochkarätiges serviert kriegt, wofür ansonsten Hunderte Kilometer draufgingen.

Der Salzburger Domplatz wäre a bisserl weit für einen Ausflug, gleichwohl die Frage, ob man sich Hugo von Hofmannsthals Jedermann in altbewährter Form auf Teufel komm raus mal geben müsste, eine andere ist.

Der österreichische Schauspieler Philipp Hochmair, 1973 geborener Star zwischen Wiener Burg, Thalia Theater und Fernsehen („Solo für Weiss“, „Vorstadtweiber“) hat eh keinen Bock auf das alte Business zwischen Buhlschaftbesetzung und Blingbling-Boulevard.

Den Text Hugo von Hofmannsthals findet der bekennend „spielsüchtige“ Absolvent des Wiener Max-Reinhardt-Seminars allerdings so gut wie „Chrystal Meth“, bekannte der unter anderem bei Klaus-Maria Brandauer ausgebildete „Extremschauspieler“ in einem Interview.

Im begeistert gefeierten Gastspiel seines Solostücks Jedermann Reloaded, zu dem sich am Festivalmittwoch von Schülergruppen bis zu alten Theaterhasen alle Altersstufen im vollen Schauspielhaus Kiel einfanden, bewies der 43jährige, wie tief er das Reimschema des im 15- bis 17. Jahrhundert üblichen Knittelverses inhaliert hat, um den Jedermann dann im übergangslosen Spiel durch alle Rollen des 1911 in Berlin uraufgeführten und seit 1920 auf dem Salzburger Domvorplatz fest beheimateten Stückes dramaturgisch „neu zu laden“.

Dieses Nachladen gelingt als musikalische Performance, bei der die Musiker der eigens gegründeten „Elektrohand Gottes“ auf der Bühne stehen wie Geister auf Grabstellen. Flankiert von Friedhofskerzen, stecken sie klanglich schnell das Feld ab: Jim Morrison und The Doors lassen grüßen, wenige Gitarrenriffs gemahnen bereits an „The End“. Schreie, Echos und Windhauch kommen hinzu und wenn Philipp Hochmair Zigarre paffend auftritt – Camouflage-Hose, nackte Brust unter schwarzem Dandysakko, Totenkopf am Gürtel, Geschmeide um den Hals – ist die apokalyptische Atmo plus Alphorn abgesteckt.

Wer da ein „Spiel mit das Lied vom Tod“ nebst einstürzende Neubauten-Flair für Möchtegern-Rocker befürchtete, wurde eines besseren belehrt. Hier sollte sich kein narzisstisch gestörter Darsteller als militanter Berserker zwischen Männlichkeitsinsignien mit  Totenschädelästhetik verausgaben. Philipp Hochmair zeigt mit geschwärzten Augen nicht nur den Todgeweihten, sondern wahrscheinlich schon toten Jedermann, dem der (musikalisch effektvoll untermauerte) Nachhall seiner Sätze und Begegnungen in der Hölle den Garaus macht.

Deren Qualm schickt er daher früh in die jahreszeitlich hustengeplagte Menge, springt mit Hand in der Hosentasche oder am paillettengoldglänzenden Gemächte (dem Geldsäckchen) in Rockstar-Allür zwischen hoch- und tiefgestellten Mikrophonen und Rollen hin und her. Hat er für Schuldner und Mutter, für Buhlschaft und Vetter, für Mammon und Tod nur die mephistophelesche Häme desjenigen übrig, der sich kraft Kohle über alles erhaben sieht?

Hochmair mimt den Schauspieler, der sich in die vorgegebenen „Rollen“, also Personifizierungen wirft wie  auf einem Spielfeld in der Fantasie , dessen Regeln und Besetzungen allgemein bekannt sind, die er artig nachplappert und zu verhöhnen scheint, aber in Ermangelung eines Dialogpartners doch glaubwürdig erscheinen lassen muss. Ein schlafwandlerisch souveräner, angenehm uneitler, manchmal wie gelangweilt bewerkstelligter Akt, der diebische Spielfreude und damit den Sarkasmus von Mächtigen spiegelt, die schon wissen, was kommt, wenn sie sich vorhersagbare Litaneien derer anhören müssen, die sie diabolisch abservieren.

Tja, Mutters „Abendluft ist übler Art“ und die Rockstar-Persiflage vielleicht als Volkes Vorstellung vom Kick des Ruhms als einsame Verlorenheit im eigenen Kosmos gespiegelt. Jedermann als auch prolliger Kleinbürger, der sich in Castrop-Rauxel mit Bierpulle in der Hand als spätpubertär betrunkener Dilettant närrisch in klischierte Machtfantasien von Sex, Drugs, Rock’n Roll wirft. So gelingt der Brückenschlag vom Schauspieler, der die Schneeballrolle des Salzburger Jedermanns auch in den eigenen Augen nur unwürdig erfüllen kann, offenbart gleichzeitig im Handstreich die vorpubertär vollführte Selbstgefälligkeit Geld- und Machtgeiler Männer wie Donald Trump. Als „Kunst“ ästhetisch so fragwürdig wie eine Jeff Koons-Plastik, dennoch eine gelungene Karikatur zwischen Trash und Tragödie.

„Singen“ brüllt er, als die süße Buhlschaft sich davonmacht. Wie ein Mann, dessen Gefühlen man nicht glauben mag und der auch zum Weinen keinen Mumm hat. Ein Mensch, der nichts begriffen hat und mit dem arroganten Stolz eines Säufers posiert, der sich nüchtern wähnt.fotonick_en_dsc2898

Totkomisch, wie er sich am Schluss vor Gott ein höchst zweifelhaft gestammeltes „Ich glaube, ich glaube, ich glaube, dass ich es schaffen kann…“ – Bekenntnis abringt, um ihm noch für ein Stündchen zu entkommen und in seinem Goldlametta suhlend nach Sicherheit sucht wie nach der Seife in der Badewanne.

Klasse vor allem, wie Hochmair Sätze unprätentiös wiederholt und sampelt, als müsse er sich deren Bedeutung im Jenseits einhämmern, als seien Aussagen Fragen, die erst im Nachhall wirken.

Er handelt quasi laid back, behält Abstand und doch den Ernst des Inhalts im Blick, lässt wie durch ein Spiel im Spiel Unreife und Unbildung des Jedermann aufleuchten, teilweise nervig mit dem Bein wackelnd wie ein ungeduldiges Kind. Schönes Abbild eines Zeitgeistes, der Demokratie auch irgendwie nervig und aufwendig findet und mittlerweile jeden Kasper zum König macht. Puh! Wie Otto Waalkes tänzelt er sich an die Figur Mutter heran, für den Bettler reicht der Kniefall, die Buhlschaft kriegt das Jackett vor die Brust geknüllt, der Mammon einfach Lametta auf den Kopf, das ihm selbst als Königskleid dient. Fliegende Wechsel, bei der Hochmair die Sprache vordergründig als verstaubten Fremdkörper vorführt und sie dennoch feiert, die Stimme näselnd, knarzig, mal heiser, mal hochgestellt besonders als Tod hintem am Schlagzeug stehend mit kaltem Hauch versieht. Die Band agiert hervorragend, überlagert Stimmen und Klänge elektronisch, bedient Theremin und Totenglöckchen mit ernster Würde, kleines understatement in Klangzitaten inklusive. Wie huldvolle Messdiener in einem, naja, dann doch wohl: Gottesdienst.

Almut Behl

Was kommt aus der Tüte?

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Foto: Axel Nickolaus

Nozomi Satomi aus Japan stimmte mit „A Life In My Bag“ auf den Theatersonntag des Thespis-Festivals ein.

Kiel. Manchmal muss es minimal sein.

Schade, dass zur Matinée am Sonntag Mittag im vollbesetzten KulturForum keine Kinder zugegen waren. Sie hätten unter Umständen gestaunt, wie eine „alte“ Frau in Mantel, Hut und Pumps ein blendend weißes Fundstück inspiziert, das plan gefaltet auf der leeren Bühne liegt. Zaghaft aufgeblättert entsteht eine Zeitung, groß entfaltet gleich ein Laken, auf dem sich Nozomi Satomi auch gleich besitzergreifend ausstreckt.

Wie schnell es geht, vom Entdecken zum Erobern, vom Belagern zum Behausen. Wie beim Picknick, das ohne Decke unter dem Po nichts Heimeliges hat. Wie beim ängstlich-spießigen Handtuchwurf auf dem Liegestuhl, der anzeigt: Mein Terrain!

Doch die Sache geht weiter. Das Ding hat ein Innenleben, ein Spalt wird gefunden, der Kopf hineingesteckt, die Frau wirft nach und nach die ollen Klamotten ab und schlüpft hinein.

Durch diesen Spiel-Raum entführt die japanische Performerin, studierte Pantomimin und Virtuosin des No- und Kyogen-Theaters Nozomi Satomi das Publikum in den Kosmos von Ur-Form, Gestalt und Figur.

Wir sehen eine Art Kapsel, ein vorgeburtlich aufbegehrendes Wesen, mal Wurst, mal Bonbon, je nachdem, welche Bewegung hinter der Membran passiert. Ein Versteck, das schützende Höhle und Minibühne zugleich ist. Sie kommt auf die Beine, schwankt, taumelt, zart und atmosphärisch begleitet von Klangschale, Flöte oder Rassel ihres rechts vor der Bühne thronenden Begleiters Joji Takahashi. Und dann ist dieses skulpturale Knisterkissen im Stand ein stolzer Monolith mit den Maßen 90×200. Lebendiges Bett, beseelte Gestalt. Mit Ecken und Zipfeln und komischem Knautschgesicht. Aber auch: Anfang und Ende. Gebärmutter und Sarg.

Das begeisterte Kichern im gebannten Publikum zeugt von Freude, Fantasie und Abstraktionsvermögen. Dass die Akteurin, zum beim fünten Thespis-Festival in Kiel 2006 den ersten preis der Jury für ihre Performance „Who am I?“ bekam, mag manchen Gast ins KulturForum gelockt haben.

Wer sie erstmals sah, war ebenso gespannt, was sich hier noch „entfalten“ sollte. Das Heraustasten durch Ritzen und Schlitze  aus der weißen „Haut“ endete mit dem Auftürmen der Papiermasse über dem Kopf, was, zurück in Schuh und Mantel aussah wie eine monströs quellende Mähne oder Frisur-Karikatur. Dann, zum Turban zerknüllt und mit Tape schließlich komplett umwickelt und geschnürt geriet dieser Überkopf zur gruseligen Mumie und war vielleicht das ästhetisch, aber auch politisch stärkste Bild in diesem evolutionären Brückenschlag vom Kriechwesen zum kranken Kopfmenschen.

Die beiden weiteren Teile ihrer Aufführung fielen dagegen etwas ab. Mit einer kleinen rechteckigen Tüte über den Kopf animierte sie ausgerechnet das britische Thespis-Jury-Mitglied Pip Utton („Ich, Maggie“) und einen weiteren Herrn aus der ersten Reihe zum Blindekuh-Spiel, höflich ihren diffusen Befehlslauten folgend. Betuliche Späßchen?

Nein. Ihr Spiel offenbart  die Gesetzmäßigkeiten von Orientierung und Sozialverhalten. Wie entsteht etwas, wo mach ich mit, wer bestimmt die Sache?

Im dritten und letzten Auftritt als rechtwinklig gebeugte Alte im mädchenhaften Schürzenkleid, die aus einer Riesentüte einen roten Faden und mit diesem buchstäblich Kreise zieht. Selbstzufrieden den Haushalt besummend, der entsteht, wenn das Terrain schwupps abgesteckt, da spielerisch auf den Boden „gezeichnet“ wurde. Dabei staunt sie verdutzt, als bestimme dies der Faden und nicht sie selbst. Um dann diese (Par-)Zelle sofort zu teilen und mit sich selbst als Gegenüber, Nachbar und Gespielin zeternd im Clinch zu liegen.

Archaische Mimik und minimale Gesten garnieren das verständliche Spiel mit freundlichem Humor.

Am Schluss zieht sie, selbst in der Tüte sitzend, das rote Fadengewirr wie ein entlaufenes Haustier zurück ins Körbchen. Kinderkram? Klar! Genauso entdecken sie Möglichkeiten, bestimmen Rollen und bilden darin Machtverhältnisse ab. Dass dies auch Basis jeden Clownsworkshops und der Theaterpädagogik täglich’ Brot ist, muss kein Defizit bedeuten.

Vielleicht ist es im Zeitalter bildlicher Überreizungen gerade gut, mal klein und puristisch zu werden, ohne große Fragen mit dem  Zeigefinger herunterzubrechen. Wenn Nozomi Satomi kunstvoll kopfüber in der großen Papiertasche verschwindet und als Handgepäckstück auf der Sackkarre „entsorgt“ wird, wirken Augenzwinkern und Weisheit nämlich gleichermaßen nach.

Der Lauf des Lebens

Die Belgische Schauspielerin Kristien de Proost eröffnete mit ihrer Performance

„On Track“ das 10. Internationale Monodrama Festival „Thespis“ in Kiel

„On Track“ heißt die englische Version des Stücks „Toestand“ (Zustand), mit dem die 1972 geborene Performancekünstlerin seit der Premiere im August 2015 auf dem Edinburgh Fringe Festival und danach in Holland, Belgien und Frankreich begeistert gefeiert wurde. Regie führten Youri Dirkx und Peter Vandenbempt.

Kiel. Wenn das Publikum den Saal des Schauspielhauses betritt, befindet sich Kristien de Proost bereits auf der Bühne. Sie trabt im legeren Anzug mit weißer Bluse und Schlips, die braunen Haare hochgesteckt, locker und gleichmäßig auf einem Laufband. Leise Hintergrundmusik und die monotonen Schrittgeräusche des Bandes stimmen uns ein.

Läuft sich hier jemand warm? Wo sind wir?

Ausstatterin Marie Szersnovicz grenzt die Bühne mit Stellwänden ein und kreiert auf orangenem Boden einen famosem Mix aus Retro-Wartezimmer und nüchterner Bürolobby mit Gummibäumen, Gegenständen in Schaukästen und Weltkarte an der Wand. Seltsame Zwischenwelt. Hinten rechts trägt ein  Vorhang in Türkis Kristiens Namenszug mit  angepappten Glitzerbuchstaben, als sei sie Studio-Kandidatin eines Wettbewerbs.

Ein Casting? Ein Vorstellungsgespräch? Belastungstest?

Die Akteurin wird die folgenden 75 Minuten vollständig durchlaufen, überwacht von einer Art Wärter in grauer Kleidung (Mark de Proost), der routiniert und gelangweilt Knöpfe an einer Maschinenwand drückt, Signaltöne ausstellt, ein rotes Display mit absurder Zahlenfolge im Auge behält.

Und wir fragen uns, ob ihr Marathon ein freiwilliger Fitnesscheck  ist. Oder wird sie in der auch beklemmenden Atmosphäre von  verborgenen Autoritäten zu einem Experiment gezwungen?

Ihr selbstverfasster Monolog, vorgetragen mit dunklem Timbre ist dabei keine eitle Deklamation, sondern eine auch von Atemnot ganz unbeeinträchtigte Abfolge authentischer Aussagen über sich selbst. Angefangen von körperlichen Eigenschaften, Vorzügen wie Nachteilen, persönlicher Präferenzen und Abneigungen, verschiedenster Statistiken zur Einordnung ihrer Person ins geografische Weltgeschehen, vom Kalorienverbrauch bis zur Häufigkeit ihres Namens, der Menge ihrer Liebhaber, sortiert nach Alter oder Gewicht. Die Vorliebe für Mathematik und Karten, „everything crunchy“ beim Essen, Schüchternheiten, Freizüigkeiten, sexuelle Geständnisse, lustige Geheimnisse, menschliche Gewohnheiten oder kleine Glücksmomente und Vorfreuden.

Dieser Bandwurm banaler Bekenntnisse scheint zunächst wenig Relevanz zu haben. Nach und nach schält sich aber die Erkenntnis heraus, dass die Läuferin sinnbildlich Lebenszeit hinter sich bringt und es, wir fühlen mit, kein Fortkommen gibt.

Bewegen ja, Weglaufen zwecklos. Das höhere Ziel? Auf der Stelle treten. Schwitzen.

Immer weitermachen. Unser aller Tragik, die conditio humana. Hervorragend, wie Kristien de Proost dies buchstäblich „beiläufig“ mit „Kondition“ und  Durchhaltevermögen verknüpft, das dem Lauf des Lebens gilt. Und dessen Bewältigung schrumpft in der Aufführung durch  eingestreuten Spitzen wie „I’m intelligent“ oder „I do everything possible“ zu einem Auftritt, der vor dem Spiegel, aber auch vor dem jüngsten Gericht spielen könnte. Was nützt sportliche Selbstoptimierung, wem nützt eine Meinung in diesem kafkaesken Labor?

Die Konstitution als Frau und auch Feministin nimmt dennoch einen besonderen Stellenwert ein. Wenn sie sich  aus ihrem androgynen Anzug schälen wird und im Bunnykostümchen mit Bischofsmütze und Tomahawk am Barren verdingt, den der Wärter kurz mal am Band installiert, um sich zu einer schwelgerischen Jazzgesangpersiflage (Refrain: „Everyone’s fucked, but me“) in einsamer Anbiederung höhnisch zu verrenken, zeigt dies die Groteske jeglichen Puppentanzes in Ämtern und Rollen.  Auch das Trippeln und Tänzeln in dargereichter Polizeimütze oder ironisch zockelnd mit Tomahawk quer im Mund  zu Westernrhythmen als  kleine feixende Variationen ihres Sysiphos-Schicksals, bei dem sie aber niemals aus dem Tritt kommt. Die Aufsichtsperson als Allegorie der Außenwelt ist mal hilfreich, mal nachlässig, reicht Wasser oder Handtuch, vergisst sie zur Brotzeit am Radio auch mal ganz. Sie läuft unbeirrt weiter, verfällt selbst mal genervt in „Blablabla“-Singsang. Was soll es auch, das ganze, wenn der Gedankenstrom kein Geständnis, sondern ein  Tropfen auf dem Stein der Menschheitsgeschichte ist?

„On Track“ heißt sowohl auf dem Laufband zu stehen, als auch in der Spur zu  bleiben. Bei der Stange bleiben. Diese schauspielerisch und sportlich hoch souveräne Performance ist ein Selbstgespräch und ein Selbstporträt. Und wir erkennen uns wieder.

Wenn Kristien de Proost am Ende quasi nackt vor uns steht, ist – im Schweißes ihres Angesichts – alles Große und kleine gesagt. Ob Homosexualität in Ordnung geht? „Yes“. Ob der Mensch sich an den Klimawandel anpassen kann? Sie glaubt es. Werden wir in Zukunft im Kopf leben und unsere Luft selber filtern? Sicher. Warum sind auch gestandene Frauen nach wie vor nur „Schlampen“, während Männer es bequem zu Heldentum bringen? Da rattert sie das ganze Album aus Kosenamen, Schimpfworten und Stigmata über Frauen, von darling, Madonna, bitch, sitting bull ,Kleopatra und immer wieder „slut“ = Schlampe herunter. Viel sachlicher Ernst und knappe Komik liegt in diesem Monolog, dessen Brillianz darin liegt, dass er völlig normal wirkt, teils staunend distanziert, ohne Pathos, Eifer, denn die Energie geht ins Laufen.  Gleichmäßig, immer sympathisch, ehrlich, niemals selbstherrlich. „Sometimes I think a have the monopoly on the truth“. Wer denkt das nicht über sich? Und das Band läuft gnadenlos weiter, der Gedankenstrom auch.

Und dann kommen Fragen, die ihr gegen Ende der Wärter zuwirft über „legal immigrants“, „border control“ „genetic engineering“ oder „sex with animals“?

Da bekommt sie eine Motorsäge in die Hände, hält sie gymnastisch hoch in der Luft und kommt immernoch nicht aus der Puste: Donald Trump? Apartheid? Die Europäische Union? Privatsphäre? „Sometimes I am so desperate“…Wenn das Band schließlich langsamer wird, bekommt sie  indianischer Federschmuck als Krone kredenzt und die kleine klasse Frau wird in einen roten Bademantel entlassen wie in einen Hermelin. Großer Applaus für eine Königin der Kondition, derweil wir mit der letzten Frage nach Hause gehen, die an uns geht: Wie es nämlich wäre, unser Leben nochmal und nochmal und nochmal zu leben. „What would you think of that?“