Läuterung im Lamettabad

Schauspielstar Philipp Hochmair und die Elektrohand Gottes grüßten mit Jedermann Reloaded auf dem internationalen Thespis-Monodrama-Festival Kiel mit einer Performance ulkig aus der Vorhölle

Fotos: Erik Nielsen

Kiel. Das Tolle am  Thespis -Festival ist, dass man vor der Haustür  Hochkarätiges serviert kriegt, wofür ansonsten Hunderte Kilometer draufgingen.

Der Salzburger Domplatz wäre a bisserl weit für einen Ausflug, gleichwohl die Frage, ob man sich Hugo von Hofmannsthals Jedermann in altbewährter Form auf Teufel komm raus mal geben müsste, eine andere ist.

Der österreichische Schauspieler Philipp Hochmair, 1973 geborener Star zwischen Wiener Burg, Thalia Theater und Fernsehen („Solo für Weiss“, „Vorstadtweiber“) hat eh keinen Bock auf das alte Business zwischen Buhlschaftbesetzung und Blingbling-Boulevard.

Den Text Hugo von Hofmannsthals findet der bekennend „spielsüchtige“ Absolvent des Wiener Max-Reinhardt-Seminars allerdings so gut wie „Chrystal Meth“, bekannte der unter anderem bei Klaus-Maria Brandauer ausgebildete „Extremschauspieler“ in einem Interview.

Im begeistert gefeierten Gastspiel seines Solostücks Jedermann Reloaded, zu dem sich am Festivalmittwoch von Schülergruppen bis zu alten Theaterhasen alle Altersstufen im vollen Schauspielhaus Kiel einfanden, bewies der 43jährige, wie tief er das Reimschema des im 15- bis 17. Jahrhundert üblichen Knittelverses inhaliert hat, um den Jedermann dann im übergangslosen Spiel durch alle Rollen des 1911 in Berlin uraufgeführten und seit 1920 auf dem Salzburger Domvorplatz fest beheimateten Stückes dramaturgisch „neu zu laden“.

Dieses Nachladen gelingt als musikalische Performance, bei der die Musiker der eigens gegründeten „Elektrohand Gottes“ auf der Bühne stehen wie Geister auf Grabstellen. Flankiert von Friedhofskerzen, stecken sie klanglich schnell das Feld ab: Jim Morrison und The Doors lassen grüßen, wenige Gitarrenriffs gemahnen bereits an „The End“. Schreie, Echos und Windhauch kommen hinzu und wenn Philipp Hochmair Zigarre paffend auftritt – Camouflage-Hose, nackte Brust unter schwarzem Dandysakko, Totenkopf am Gürtel, Geschmeide um den Hals – ist die apokalyptische Atmo plus Alphorn abgesteckt.

Wer da ein „Spiel mit das Lied vom Tod“ nebst einstürzende Neubauten-Flair für Möchtegern-Rocker befürchtete, wurde eines besseren belehrt. Hier sollte sich kein narzisstisch gestörter Darsteller als militanter Berserker zwischen Männlichkeitsinsignien mit  Totenschädelästhetik verausgaben. Philipp Hochmair zeigt mit geschwärzten Augen nicht nur den Todgeweihten, sondern wahrscheinlich schon toten Jedermann, dem der (musikalisch effektvoll untermauerte) Nachhall seiner Sätze und Begegnungen in der Hölle den Garaus macht.

Deren Qualm schickt er daher früh in die jahreszeitlich hustengeplagte Menge, springt mit Hand in der Hosentasche oder am paillettengoldglänzenden Gemächte (dem Geldsäckchen) in Rockstar-Allür zwischen hoch- und tiefgestellten Mikrophonen und Rollen hin und her. Hat er für Schuldner und Mutter, für Buhlschaft und Vetter, für Mammon und Tod nur die mephistophelesche Häme desjenigen übrig, der sich kraft Kohle über alles erhaben sieht?

Hochmair mimt den Schauspieler, der sich in die vorgegebenen „Rollen“, also Personifizierungen wirft wie  auf einem Spielfeld in der Fantasie , dessen Regeln und Besetzungen allgemein bekannt sind, die er artig nachplappert und zu verhöhnen scheint, aber in Ermangelung eines Dialogpartners doch glaubwürdig erscheinen lassen muss. Ein schlafwandlerisch souveräner, angenehm uneitler, manchmal wie gelangweilt bewerkstelligter Akt, der diebische Spielfreude und damit den Sarkasmus von Mächtigen spiegelt, die schon wissen, was kommt, wenn sie sich vorhersagbare Litaneien derer anhören müssen, die sie diabolisch abservieren.

Tja, Mutters „Abendluft ist übler Art“ und die Rockstar-Persiflage vielleicht als Volkes Vorstellung vom Kick des Ruhms als einsame Verlorenheit im eigenen Kosmos gespiegelt. Jedermann als auch prolliger Kleinbürger, der sich in Castrop-Rauxel mit Bierpulle in der Hand als spätpubertär betrunkener Dilettant närrisch in klischierte Machtfantasien von Sex, Drugs, Rock’n Roll wirft. So gelingt der Brückenschlag vom Schauspieler, der die Schneeballrolle des Salzburger Jedermanns auch in den eigenen Augen nur unwürdig erfüllen kann, offenbart gleichzeitig im Handstreich die vorpubertär vollführte Selbstgefälligkeit Geld- und Machtgeiler Männer wie Donald Trump. Als „Kunst“ ästhetisch so fragwürdig wie eine Jeff Koons-Plastik, dennoch eine gelungene Karikatur zwischen Trash und Tragödie.

„Singen“ brüllt er, als die süße Buhlschaft sich davonmacht. Wie ein Mann, dessen Gefühlen man nicht glauben mag und der auch zum Weinen keinen Mumm hat. Ein Mensch, der nichts begriffen hat und mit dem arroganten Stolz eines Säufers posiert, der sich nüchtern wähnt.fotonick_en_dsc2898

Totkomisch, wie er sich am Schluss vor Gott ein höchst zweifelhaft gestammeltes „Ich glaube, ich glaube, ich glaube, dass ich es schaffen kann…“ – Bekenntnis abringt, um ihm noch für ein Stündchen zu entkommen und in seinem Goldlametta suhlend nach Sicherheit sucht wie nach der Seife in der Badewanne.

Klasse vor allem, wie Hochmair Sätze unprätentiös wiederholt und sampelt, als müsse er sich deren Bedeutung im Jenseits einhämmern, als seien Aussagen Fragen, die erst im Nachhall wirken.

Er handelt quasi laid back, behält Abstand und doch den Ernst des Inhalts im Blick, lässt wie durch ein Spiel im Spiel Unreife und Unbildung des Jedermann aufleuchten, teilweise nervig mit dem Bein wackelnd wie ein ungeduldiges Kind. Schönes Abbild eines Zeitgeistes, der Demokratie auch irgendwie nervig und aufwendig findet und mittlerweile jeden Kasper zum König macht. Puh! Wie Otto Waalkes tänzelt er sich an die Figur Mutter heran, für den Bettler reicht der Kniefall, die Buhlschaft kriegt das Jackett vor die Brust geknüllt, der Mammon einfach Lametta auf den Kopf, das ihm selbst als Königskleid dient. Fliegende Wechsel, bei der Hochmair die Sprache vordergründig als verstaubten Fremdkörper vorführt und sie dennoch feiert, die Stimme näselnd, knarzig, mal heiser, mal hochgestellt besonders als Tod hintem am Schlagzeug stehend mit kaltem Hauch versieht. Die Band agiert hervorragend, überlagert Stimmen und Klänge elektronisch, bedient Theremin und Totenglöckchen mit ernster Würde, kleines understatement in Klangzitaten inklusive. Wie huldvolle Messdiener in einem, naja, dann doch wohl: Gottesdienst.

Almut Behl

Was kommt aus der Tüte?

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Foto: Axel Nickolaus

Nozomi Satomi aus Japan stimmte mit „A Life In My Bag“ auf den Theatersonntag des Thespis-Festivals ein.

Kiel. Manchmal muss es minimal sein.

Schade, dass zur Matinée am Sonntag Mittag im vollbesetzten KulturForum keine Kinder zugegen waren. Sie hätten unter Umständen gestaunt, wie eine „alte“ Frau in Mantel, Hut und Pumps ein blendend weißes Fundstück inspiziert, das plan gefaltet auf der leeren Bühne liegt. Zaghaft aufgeblättert entsteht eine Zeitung, groß entfaltet gleich ein Laken, auf dem sich Nozomi Satomi auch gleich besitzergreifend ausstreckt.

Wie schnell es geht, vom Entdecken zum Erobern, vom Belagern zum Behausen. Wie beim Picknick, das ohne Decke unter dem Po nichts Heimeliges hat. Wie beim ängstlich-spießigen Handtuchwurf auf dem Liegestuhl, der anzeigt: Mein Terrain!

Doch die Sache geht weiter. Das Ding hat ein Innenleben, ein Spalt wird gefunden, der Kopf hineingesteckt, die Frau wirft nach und nach die ollen Klamotten ab und schlüpft hinein.

Durch diesen Spiel-Raum entführt die japanische Performerin, studierte Pantomimin und Virtuosin des No- und Kyogen-Theaters Nozomi Satomi das Publikum in den Kosmos von Ur-Form, Gestalt und Figur.

Wir sehen eine Art Kapsel, ein vorgeburtlich aufbegehrendes Wesen, mal Wurst, mal Bonbon, je nachdem, welche Bewegung hinter der Membran passiert. Ein Versteck, das schützende Höhle und Minibühne zugleich ist. Sie kommt auf die Beine, schwankt, taumelt, zart und atmosphärisch begleitet von Klangschale, Flöte oder Rassel ihres rechts vor der Bühne thronenden Begleiters Joji Takahashi. Und dann ist dieses skulpturale Knisterkissen im Stand ein stolzer Monolith mit den Maßen 90×200. Lebendiges Bett, beseelte Gestalt. Mit Ecken und Zipfeln und komischem Knautschgesicht. Aber auch: Anfang und Ende. Gebärmutter und Sarg.

Das begeisterte Kichern im gebannten Publikum zeugt von Freude, Fantasie und Abstraktionsvermögen. Dass die Akteurin, zum beim fünten Thespis-Festival in Kiel 2006 den ersten preis der Jury für ihre Performance „Who am I?“ bekam, mag manchen Gast ins KulturForum gelockt haben.

Wer sie erstmals sah, war ebenso gespannt, was sich hier noch „entfalten“ sollte. Das Heraustasten durch Ritzen und Schlitze  aus der weißen „Haut“ endete mit dem Auftürmen der Papiermasse über dem Kopf, was, zurück in Schuh und Mantel aussah wie eine monströs quellende Mähne oder Frisur-Karikatur. Dann, zum Turban zerknüllt und mit Tape schließlich komplett umwickelt und geschnürt geriet dieser Überkopf zur gruseligen Mumie und war vielleicht das ästhetisch, aber auch politisch stärkste Bild in diesem evolutionären Brückenschlag vom Kriechwesen zum kranken Kopfmenschen.

Die beiden weiteren Teile ihrer Aufführung fielen dagegen etwas ab. Mit einer kleinen rechteckigen Tüte über den Kopf animierte sie ausgerechnet das britische Thespis-Jury-Mitglied Pip Utton („Ich, Maggie“) und einen weiteren Herrn aus der ersten Reihe zum Blindekuh-Spiel, höflich ihren diffusen Befehlslauten folgend. Betuliche Späßchen?

Nein. Ihr Spiel offenbart  die Gesetzmäßigkeiten von Orientierung und Sozialverhalten. Wie entsteht etwas, wo mach ich mit, wer bestimmt die Sache?

Im dritten und letzten Auftritt als rechtwinklig gebeugte Alte im mädchenhaften Schürzenkleid, die aus einer Riesentüte einen roten Faden und mit diesem buchstäblich Kreise zieht. Selbstzufrieden den Haushalt besummend, der entsteht, wenn das Terrain schwupps abgesteckt, da spielerisch auf den Boden „gezeichnet“ wurde. Dabei staunt sie verdutzt, als bestimme dies der Faden und nicht sie selbst. Um dann diese (Par-)Zelle sofort zu teilen und mit sich selbst als Gegenüber, Nachbar und Gespielin zeternd im Clinch zu liegen.

Archaische Mimik und minimale Gesten garnieren das verständliche Spiel mit freundlichem Humor.

Am Schluss zieht sie, selbst in der Tüte sitzend, das rote Fadengewirr wie ein entlaufenes Haustier zurück ins Körbchen. Kinderkram? Klar! Genauso entdecken sie Möglichkeiten, bestimmen Rollen und bilden darin Machtverhältnisse ab. Dass dies auch Basis jeden Clownsworkshops und der Theaterpädagogik täglich’ Brot ist, muss kein Defizit bedeuten.

Vielleicht ist es im Zeitalter bildlicher Überreizungen gerade gut, mal klein und puristisch zu werden, ohne große Fragen mit dem  Zeigefinger herunterzubrechen. Wenn Nozomi Satomi kunstvoll kopfüber in der großen Papiertasche verschwindet und als Handgepäckstück auf der Sackkarre „entsorgt“ wird, wirken Augenzwinkern und Weisheit nämlich gleichermaßen nach.

Der Lauf des Lebens

Die Belgische Schauspielerin Kristien de Proost eröffnete mit ihrer Performance

„On Track“ das 10. Internationale Monodrama Festival „Thespis“ in Kiel

„On Track“ heißt die englische Version des Stücks „Toestand“ (Zustand), mit dem die 1972 geborene Performancekünstlerin seit der Premiere im August 2015 auf dem Edinburgh Fringe Festival und danach in Holland, Belgien und Frankreich begeistert gefeiert wurde. Regie führten Youri Dirkx und Peter Vandenbempt.

Kiel. Wenn das Publikum den Saal des Schauspielhauses betritt, befindet sich Kristien de Proost bereits auf der Bühne. Sie trabt im legeren Anzug mit weißer Bluse und Schlips, die braunen Haare hochgesteckt, locker und gleichmäßig auf einem Laufband. Leise Hintergrundmusik und die monotonen Schrittgeräusche des Bandes stimmen uns ein.

Läuft sich hier jemand warm? Wo sind wir?

Ausstatterin Marie Szersnovicz grenzt die Bühne mit Stellwänden ein und kreiert auf orangenem Boden einen famosem Mix aus Retro-Wartezimmer und nüchterner Bürolobby mit Gummibäumen, Gegenständen in Schaukästen und Weltkarte an der Wand. Seltsame Zwischenwelt. Hinten rechts trägt ein  Vorhang in Türkis Kristiens Namenszug mit  angepappten Glitzerbuchstaben, als sei sie Studio-Kandidatin eines Wettbewerbs.

Ein Casting? Ein Vorstellungsgespräch? Belastungstest?

Die Akteurin wird die folgenden 75 Minuten vollständig durchlaufen, überwacht von einer Art Wärter in grauer Kleidung (Mark de Proost), der routiniert und gelangweilt Knöpfe an einer Maschinenwand drückt, Signaltöne ausstellt, ein rotes Display mit absurder Zahlenfolge im Auge behält.

Und wir fragen uns, ob ihr Marathon ein freiwilliger Fitnesscheck  ist. Oder wird sie in der auch beklemmenden Atmosphäre von  verborgenen Autoritäten zu einem Experiment gezwungen?

Ihr selbstverfasster Monolog, vorgetragen mit dunklem Timbre ist dabei keine eitle Deklamation, sondern eine auch von Atemnot ganz unbeeinträchtigte Abfolge authentischer Aussagen über sich selbst. Angefangen von körperlichen Eigenschaften, Vorzügen wie Nachteilen, persönlicher Präferenzen und Abneigungen, verschiedenster Statistiken zur Einordnung ihrer Person ins geografische Weltgeschehen, vom Kalorienverbrauch bis zur Häufigkeit ihres Namens, der Menge ihrer Liebhaber, sortiert nach Alter oder Gewicht. Die Vorliebe für Mathematik und Karten, „everything crunchy“ beim Essen, Schüchternheiten, Freizüigkeiten, sexuelle Geständnisse, lustige Geheimnisse, menschliche Gewohnheiten oder kleine Glücksmomente und Vorfreuden.

Dieser Bandwurm banaler Bekenntnisse scheint zunächst wenig Relevanz zu haben. Nach und nach schält sich aber die Erkenntnis heraus, dass die Läuferin sinnbildlich Lebenszeit hinter sich bringt und es, wir fühlen mit, kein Fortkommen gibt.

Bewegen ja, Weglaufen zwecklos. Das höhere Ziel? Auf der Stelle treten. Schwitzen.

Immer weitermachen. Unser aller Tragik, die conditio humana. Hervorragend, wie Kristien de Proost dies buchstäblich „beiläufig“ mit „Kondition“ und  Durchhaltevermögen verknüpft, das dem Lauf des Lebens gilt. Und dessen Bewältigung schrumpft in der Aufführung durch  eingestreuten Spitzen wie „I’m intelligent“ oder „I do everything possible“ zu einem Auftritt, der vor dem Spiegel, aber auch vor dem jüngsten Gericht spielen könnte. Was nützt sportliche Selbstoptimierung, wem nützt eine Meinung in diesem kafkaesken Labor?

Die Konstitution als Frau und auch Feministin nimmt dennoch einen besonderen Stellenwert ein. Wenn sie sich  aus ihrem androgynen Anzug schälen wird und im Bunnykostümchen mit Bischofsmütze und Tomahawk am Barren verdingt, den der Wärter kurz mal am Band installiert, um sich zu einer schwelgerischen Jazzgesangpersiflage (Refrain: „Everyone’s fucked, but me“) in einsamer Anbiederung höhnisch zu verrenken, zeigt dies die Groteske jeglichen Puppentanzes in Ämtern und Rollen.  Auch das Trippeln und Tänzeln in dargereichter Polizeimütze oder ironisch zockelnd mit Tomahawk quer im Mund  zu Westernrhythmen als  kleine feixende Variationen ihres Sysiphos-Schicksals, bei dem sie aber niemals aus dem Tritt kommt. Die Aufsichtsperson als Allegorie der Außenwelt ist mal hilfreich, mal nachlässig, reicht Wasser oder Handtuch, vergisst sie zur Brotzeit am Radio auch mal ganz. Sie läuft unbeirrt weiter, verfällt selbst mal genervt in „Blablabla“-Singsang. Was soll es auch, das ganze, wenn der Gedankenstrom kein Geständnis, sondern ein  Tropfen auf dem Stein der Menschheitsgeschichte ist?

„On Track“ heißt sowohl auf dem Laufband zu stehen, als auch in der Spur zu  bleiben. Bei der Stange bleiben. Diese schauspielerisch und sportlich hoch souveräne Performance ist ein Selbstgespräch und ein Selbstporträt. Und wir erkennen uns wieder.

Wenn Kristien de Proost am Ende quasi nackt vor uns steht, ist – im Schweißes ihres Angesichts – alles Große und kleine gesagt. Ob Homosexualität in Ordnung geht? „Yes“. Ob der Mensch sich an den Klimawandel anpassen kann? Sie glaubt es. Werden wir in Zukunft im Kopf leben und unsere Luft selber filtern? Sicher. Warum sind auch gestandene Frauen nach wie vor nur „Schlampen“, während Männer es bequem zu Heldentum bringen? Da rattert sie das ganze Album aus Kosenamen, Schimpfworten und Stigmata über Frauen, von darling, Madonna, bitch, sitting bull ,Kleopatra und immer wieder „slut“ = Schlampe herunter. Viel sachlicher Ernst und knappe Komik liegt in diesem Monolog, dessen Brillianz darin liegt, dass er völlig normal wirkt, teils staunend distanziert, ohne Pathos, Eifer, denn die Energie geht ins Laufen.  Gleichmäßig, immer sympathisch, ehrlich, niemals selbstherrlich. „Sometimes I think a have the monopoly on the truth“. Wer denkt das nicht über sich? Und das Band läuft gnadenlos weiter, der Gedankenstrom auch.

Und dann kommen Fragen, die ihr gegen Ende der Wärter zuwirft über „legal immigrants“, „border control“ „genetic engineering“ oder „sex with animals“?

Da bekommt sie eine Motorsäge in die Hände, hält sie gymnastisch hoch in der Luft und kommt immernoch nicht aus der Puste: Donald Trump? Apartheid? Die Europäische Union? Privatsphäre? „Sometimes I am so desperate“…Wenn das Band schließlich langsamer wird, bekommt sie  indianischer Federschmuck als Krone kredenzt und die kleine klasse Frau wird in einen roten Bademantel entlassen wie in einen Hermelin. Großer Applaus für eine Königin der Kondition, derweil wir mit der letzten Frage nach Hause gehen, die an uns geht: Wie es nämlich wäre, unser Leben nochmal und nochmal und nochmal zu leben. „What would you think of that?“