Die Fotokünstlerin Franziska Ostermann

Was ist? Was ist nicht? Wer bin ich? Weiß und weiß nicht.
So könnte man die Fragen umreißen, die die Fotokünstlerin Franziska Ostermann aufwirft.
Konsequent in weiß gekleidet, bildet sie mit ihrer Erscheinung, ihren Arbeiten zwischen Fotografie und Text, zwischen Selbstporträts und Lyrik eine Einheit, die bei manchen schon den Begriff Gesamtkunstwerk evoziert. Mit 26 Jahren? Warum nicht.
Es läuft gut an für die Absolventin der Muthesius-Hochschule Kiel. Ihr Studium, 2012 in Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie begonnen bei Peter Hendricks sowie bei Oswald Egger in der Kiel 2011 neu geschaffenen Professur „Sprache und Gestalt“ fortgesetzt, hat sie gerade abgeschlossen.
Ihre Masterarbeit hat sie in Form eines Gedichtbandes abgelegt: OSZIT wurde in 300er Auflage von der Muthesius-Hochschule herausgegeben (ISBN 978-3-943763-76-8) und liegt in ausgewählten Buchhandlungen aus.
Durchgestrichene
Worte kann
sie nicht leiden: Sie
sehen oft gequält aus
Es ist ohnehin müßig
etwas
an einem Ort zu erschießen
an dem es gar nicht ist.
Eine Graduiertenförderung in Form eines zweijährigen Atelierstipendiums im Kieler Anscharpark in der Tasche, kann sie ihre ersten Schritte in die Selbstständigkeit als freie Künstlerin erstmal ohne Existenzsorgen machen.
Die Liste mit Ausstellungsbeteiligungen und Lesungen, Auszeichnungen und Publikationen in den letzten vier Jahren ist bereits beachtlich.
Allein im Jahr 2018 ist sie auf der Photokina Köln, den Foto-Reflexionen 06 in Brunsbüttel und auf verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland vertreten, erhielt den New Talent Award 18/1, vergeben vom Magazin ProfiFoto und Canon.
Auf der Landesschau des BBK Schleswig-Holstein hat Franziska Ostermann für ihre Arbeiten aus der Serie White Lettering den Förderpreis des Kunstvereins Flensburg erhalten.
Diese waren bis Ende November zeitgleich auch auf ihrer Einzelausstellung namens Bild Wort Zeit Raum auf Gut Wittmoldt bei Plön zu sehen:

Auf großformatigen Fotografien blickt Franziska Ostermann dem Betrachter entgegen, wie aus dem Nichts erscheint sie vor weißem Hintergrund in Weiß gekleidet den Seiten eines Modemagazins zu entspringen. Bei näherem Hinsehen erweist sich der diffuse Schleier, hinter dem sie in verschiedenen verhaltenen Posen wie durch Schneetreiben verborgen bleibt, als schwungvolles Geflecht weißer Acrylfarbe, mit der sie die Fotoprints mit Schreibschrift überzogen hat. Nur sporadisch lesbar, ein kryptisch kreisendes Wirrwarr aus Worten, die sie semitransparent wie Maschen bedecken, schützen oder auch hervortreten lassen.
Das geht schon ein bisschen hinaus über Effekte mädchenhafter Selbstbespiegelung, die man ihr auf den ersten Blick unterstellen könnte, vor allem, wenn man ihre Serie FRIRN von 2016 hinzuzieht.
Hier verbindet sie jeweils zwei Selbstporträts zu einem Bild, das mit Doppelung und Dialog spielt. Einerseits ist sie sich selbst gegenübergestellt: Als Fotografin am Auslöser und als Abgebildete, als Objekt. Sie spiegelt sich als Betrachtende doppelt und spielt mit Begriffen wie Spaltung, Doppelung, Wandlung und Wiederholung.
Es ist eine Begegnung mit sich selbst.
Wo fängt Erkennen an, wo das Befremden?
Den Vor-Urteilen der Generation selfie und einem medial überreizten Zeitgeist mit seinem Oberflächenblick hält sie den Spiegel vor und entzieht sich unaufgeregt den reflexhaften Fragen der BetrachterInnen nach Attraktivität und formaler Ästhetik. Hübsche Blondine posiert ein bisschen? Wer sich bei diesem Urteil ertappt, ist gleich in medias res und wird zur Abstraktion aufgerufen. Zum Verhältnis zur eigenen Wahrnehmung, der Wesenhaftigkeit des Darstellbaren, auf das Wechselspiel von Innen und Außen, den Grad an Erkenntnismöglichkeit oder auch –fähigkeit. Dass ein neutraler Blick unmöglich ist, dämmert dann bald. Und schon ist man drin im Denkprozess.
Franziska Ostermann hat sich natürlich mit Medientheorie, phänomenologischen und philosophischen Fragen befasst. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein steht im Zentrum ihrer Arbeiten, in denen sie die Dimensionen von Raum und Zeit thematisiert.
„Das fotografische Selbstporträt bietet mir die Möglichkeit, mir selbst zu begegnen. Im Akt des Auslösens bin ich von mir durch die Kamera getrennt, gleichzeitig zwei. Die Aufspaltung von Raum und Zeit, die die Dualität meines Ichs erzeugt, wird in der Komposition der Bilder aufgenommen und thematisiert. Die simultan wahrgenommenen Bildelemente verbinden andernfalls durch die Zeit getrennte Ansichten.
Das Fließen der zeit tritt in der räumlichen Verdichtung des Bildes in den Hintergrund.
Das Wort bildet den Gegenspieler, ergänzt und konterkariert das Bild, macht den Fluss der Zeit erfahrbar.
Ich stelle mich in den Diskurs beider Medien und rufe sie zum Wechselspiel auf, um mich darin zu finden.“
Dies wird auch in ihren Wortschöpfungen deutlich. Die Serie FIRN (im Eingangsbild ganz oben zu sehen) spielt auf Firnschnee an, die Bildserie ANEN lässt an Ahnen denken und ist dem Frühneuhochdeutschen entlehnt, das „jemanden überkommen, jemandem zustoßen“ bedeutet. In der 2016 entstandenen Schwarz-Weiß Serie ANEN stellt sich Franziska Ostermann ihren Vorfahren gegenüber, indem sie aktuelle Aufnahmen von sich in das Setting der historischen collagiert.

Sie thematisiert die Rolle der gegenwärtigen Geschichtenhörerin und macht sich zum optisch eingearbeiteten Zaungast der Vergangenheit, der sie als Zeitreisende beiwohnt. Das kennt man aus analogen Collagen von Kubismus, Dada und Co., dennoch ist sie damit wiederum sich selbst im Zeit-Raum-Kontext, dem Begriff des Betrachters und Voyeurs in der Zeit-Raum-Brechung auf der Spur. Hierbei vergrößert sie einzelne Köpfe oder Körper, stellt ein Kleinkind auf Augenhöhe mit Erwachsenen, integriert sich als Besucherin in Gruppen, gegenüber oder abgewandt. So kommentiert sie den Erzählvorgang Dritter und visualisiert die eigene Empfindung oder Erinnerung der Vergangenheit. Formal, in dem sie eine Veränderung am Foto vornimmt und damit inhaltlich die fragmentarischen Versionen von Geschichte(n) korrigiert und konterkariert.

Seit 2015 schreibt Franziska Ostermann und greift auch in ihrer Lyrik Zwischenzustände auf. Hier geht mit viel Lust an Syntax-Experimenten und Neologismen in einen kritischen Dialog mit sich selbst, um ein durchaus auch intuitives Konzept ausfindig zu machen. Wiederum ein Wechselspiel aus Abstand und Nähe, Innen und Außensicht.
ENT, ZWEI
es ist mir so
galant ent
zweit
was einmal eins
und niemals weilt
in zwei Richtungen
mir entlaufen
TREU
legt der Tau
seine Tränen zu bette
und trunken sich selbst
Dass Franziska Ostermann sich ausnahmslos in Weiß kleidet und einrichtet, erscheint fast schon folgerichtig.
Weiß habe je nach Kultur unterschiedliche Bedeutungen, sagt sie. Bedeute es bei uns Reinheit, Frieden und Unschuld, ist es im asiatischen Raum eher mit Tod und Trauer konnotiert. Für sie ist es mit Ruhe verbunden und bildet eine „Leerstelle im hektischen Alltag“.
Wer ihre Arbeit „Photons“ I-XV“ von 2017 betrachtet, erhält weitere Aspekte einer Ahnung dieses konsequenten Konzepts.
15 Selbstporträts in etwas mehr als Din A 4-Format zeigen bei hohem Lichteinfall eine Figur vor hellem Hintergrund, Kopf, Haare, Hände wie in Gegenwehr in Bewegung, ein Lichtbad, in dem sie zu ertrinken scheint. Die Überbelichtung durch starken Sonneneinfall teilt das „Weiß“ in verschiedene „Farbflächen“ auf und lässt Konturen verschwinden, verändert Strukturen im Bild.

Ein Aufscheinen und Auslöschen zugleich, in das sich die Künstlerin stellt. Das sind keine Inszenierungen, eher das Aufspüren von fotografischen Prinzipien und Phänomenen zwischen Technik und Philosophie. Wenn sie den französischen Fototheoretiker Michel Frizot zitiert, der sagt, dass „die einzige Realität, zu der die Fotografie Zugriff hat, ist das Licht“, kommt man ihrer Erscheinung ganz in Weiß ein Stückchen näher.
Dazu Franziska Ostermann: „Die Bilder zeigen Splitter, Bruchteile einer Situation. Kann man sie von hier aus vervollständigen, eine neue Situation schaffen?“
Interessante Fragen, die die erklärte Ästhetin sich und uns da stellt.
Für den Moment, in dem zwei Faktoren aufeinandertreffen: Licht auf Linse, Bild und Betrachter und im schnöden Alltag: Mensch und Mensch einander gegenüber. Subjekte, Objekte und jede Menge Photonen und Projektionen.
Dass Franziska Ostermann mit ihrer Arbeit eine Einheit bildet, erscheint insofern folgerichtig. Man darf gespannt sein, wie es mit der Frau in Weiß weitergeht.
Termine:
Ausstellung MIX, Kunstverein Haus 8
Opening 14.12.2018 18 Uhr, Anscharpark Kiel
15.12.2018-20.01.2019
Ausstellung des Dänischen Kunstvereins Flensburg Sydslesvigs danske Kunstforening (SdK)
Opening 17. 01.2019 – 9. 2. 2019
Dänische Bibliothek Flensburg
Franziska Ostermann am Literaturtelefon der Stadt Kiel
24.12. bis 6.1. 2019 Tel. 0431-901-8888 oder
www. literaturtelefon-online.de
Fotos: mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.
www.franziskaostermann.de
