Blick über den Beckenrand

 

Die Künstlerin Peggy Stahnke und ihre Fotoserie hautnah

Tropfen auf der Haut. Haare wie Landschaften. Malerische Furchen von nassen Strähnen, Wellen, lockigen Schlangen. Geschlossene oder (weit) geöffnete Augen, die etwas suchen, in sich hineinhorchen, im Raum schweifen oder stumme Fragen an den Betrachter richten. Kleine Körper in ihrem Element: Wasser.

Die Künstlerin Peggy Stahnke hat Kinder beim Baden fotografiert. Hautnah ist die Serie übertitelt, an der die Absolventin der Muthesius Kunsthochschule Kiel über mehrere Jahre gearbeitet hat.

Wie vertraut, verliebt oder verwandt muss man sein, um einem Menschen hautnah zu kommen?

Für ihr aufwändiges Projekt, ursprünglich über Körper betitelt, hat die Absolventin der Muthesius Hochschule, unterstützt von einem zweijährigen Stipendium über mehrere Jahre Zwei- bis Zehnjährige und ihre Familien in ihrem häuslichen Umfeld oder in Wohngruppen besucht und begleitet . Diesen Schutzraum aus freundschaftlicher Vertrautheit respektiert und bewahrt sie gewissenhaft. Denn: Sie widmet ihren und unseren Blick Kindern mit Behinderungen.

Das Ergebnis sind poetische Porträts im Stil klassischer Fotografie, die über eine nüchterne Dokumentation hinausgehen. Auch eine romantisierende Sicht spart Stahnke aus.

Und polarisiert womöglich trotzdem. Ist das nicht zu intim? Wird hier kindliche Unbefangenheit ausgenutzt? Werden hier Wehrlose vorgeführt, ausgesetzt? Gibt es Augenfutter für Pädophile? Wie schaut das vorpubertäre Mädchen hier, wie jener blonde Junge dort denn über den Beckenrand?

Mit Pawlow’scher Reflexhaftigkeit setzten unsere Abcheck-Mechanismen ein, erliegen der zynischen Zensur des Zeitgeistes, die jedwede Bildbetrachtung als konsumierend-bewertend vornimmt und auch im Falle der Verteidigung meist eines ist: bös’ besitzergreifend.

Pikanterweise ist auf vielen Bildern kein sichtbares Zeichen einer Behinderung zu sehen. Somit spitzt sich die Ambition unseres prüfenden Auges noch zu, gierig sucht es Beweise, will Bestätigung und gerät in einen „Finde den Fehler“- Modus. Sucht den Kick der Irritation. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Der menschliche Körper und sein Makel, die Themen Krankheit, Behinderung und Tod stehen schon lange im Zentrum ihres künstlerischen Interesses. „Mit meinen Arbeiten versuche ich Bilder von Körperidealen zu durchbrechen. Die Brüche des scheinbar Vollkommenen sind für mich das Schöne. Ihnen möchte ich begegnen. Die Verletzlichkeit, die in ihnen steckt, ist für mich das eigentlich Menschliche. Meine Bilder erzählen Körpergeschichten“, sagt Peggy Stahnke.

Für die Serie hautnah besuchte sie über Wochen und Monate deutschlandweit 23 Kinder zu Hause oder in Wohngruppen, verbrachte viel Zeit mit ihnen, lief in den Familien mit, holte das Einverständnis von Eltern und Betreuenden ein, bevor sie sich als freundschaftlich integrierter und von den Kindern akzeptierter Gast mit ihrer analogen Mittelformatkamera plus imposantem Blitz an die intime Situation Badewanne näherte.

Stahnkes Kamera lenkt unsere Besuchersicht schnell in die Betreuerperspektive, lässt den Blick ihn mitwandern wie ein mütterliches Auge und bleibt dennoch klar und neutral. So tauchen die unterschiedlichen Persönlichkeiten bei stets gleichbleibenden Lichtverhältnissen aus dem transparenten Wasser wie aus einer abstrakten Materie auf. Der Fokus liegt auf Köpfen, Haaren, Gesichtern oder Gesten zwischen kindlicher Konzentration und beinahe sakraler Gelöstheit, dem von Hilfsmitteln wie Stützen oder Rollstühlen befreiten Aufgehen im Element Wasser, das zum eigenen Kosmos wird.

Aus dieser hellen, teils weichen und diffusen Umgebung heraus treten die Gesichter und Körper in Schärfen oder Unschärfen der Kinder in ihrer natürlichen Schönheit, ihres Daseins und So-Seins hervor. Unverwechselbar und dennoch universell. Ist dieser Blick nun wertfrei, suggestiv oder provokativ?

Thematisch streift  Stahnke die Symbolkraft  der Babyalbenkonventionen und sprengt das Klischée vom Kind, das  von den Eltern fotografiert zur Ikone wird.

Die Alltäglichkeit des Badens, das Entzücken der Beteiligten ist Allgemeingut, wohl jeder kennt dieses aus der eigenen Kindheit zwischen Seife und Quietsche-Entchen. Die Selbstverständlichkeit der Badesituation als privates, teils feierliches Zeugnis der Zuwendung, als Inbegriff von Liebe im Zeichen der Erinnerung und Sentimentalität.

Die Fotografin geht aber weit über banale Kitschmomente hinaus. Ihr künstlerischer Blick gilt dem Ausdruck von Entspannung, Selbstvergessenheit und einer Art Schwerelosigkeit und der Kinder.

Die Momente, die Peggy Stahnke wahrnimmt, die Haltungen, die naturgemäß unbefangen den jeweils individuellen charakteristischen Bewegungen und Affekten folgen, weisen dennoch über sich selbst hinaus.

Das Lehnen eines größeren Jungen mit der Wange am Wannenrand, die Faszination eines kleineren bei der Betrachtung seiner Finger, das verträumte Innehalten und in sich Hineinhorchen, die ängstliche oder bereite Hingabe an haltende Hände im Liegen, ernste Blicke oder konzentriertes Aufmerken – viele der Personen, Gesichter und Gesten haben neben der individuellen Anmut eine Erhabenheit, die an kunsthistorische malerische oder skulpturale Vorbilder und Archetypen erinnern und sich in ein kollektives Bildgedächtnis fügen, auch jenseits von Konventionen.

Die Fragen, die Stahnke aufwirft, sind durchaus philosophisch. Im Kontext hitziger Debatten zwischen Normen, Körperidealen, medialem Perfektionswahn, political correctness und Identitätspolitik gemahnen ihre Porträts an die gesellschaftliche Unsichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen und sind somit auch politisch.

Die Kinder erscheinen weder als Objekt noch Opfer, sondern eher wie Gesprächspartner. Durch die Tatsache, dass sich zunächst die Kamera einmalig genähert hat und wir als Betrachter (und in weiteren Ausstellungen) unzählige Male und von unbestimmter Dauer folgen, tritt die Gesetzmäßigkeit von Fotoporträts zwischen Betrachter und Angeschauten in dieser Situation doppelt deutlich hervor: Als Fremde im Sinne von (noch) nicht persönlich Bekannten, aber auch als möglicherweise Befremdete einer Besonderheit gegenüber. Wie in jedem Anblick und Blick, der auf uns gerichtet wird, ergibt sich Gegenüberstellung, eine Spiegelsituation.

Peggy Stahnke hat aus dem Schutzraum der Kinder heraus agiert. Das bringt Projektionen und auch Übertragungen mit sich. Dennoch überführt und unterwandert sie unser zwanghaften Bedürfnis, nach Perfektion, Harmonie und Symmetrie zu suchen ebenso wie unser omnipräsentes Bedürfnis, auf  Merkmale und Einzigartigkeit zu stoßen. Eigentlich dem grundsätzlichen Wunsch als Betrachter, irritiert zu werden. Im guten wie im kritischen Sinne. Wo ist der Kick? Was ist schön? Worauf stoße ich, wann stolpere ich? Ein Widerspruch, mit dem wir täglich im Badezimmerspiegel kämpfen. Wenn Stahnke uns nun in Ruhe teils subtile, teils frappante „Andersartigkeit“ studieren lässt, wird schlussendlich nur eines verdeutlicht: Dass jeder Mensch „anders“ ist. Unabhängig von Handikaps oder Stigmatisierungen. Indem wir den Persönlichkeiten und Charakteristika dieser Kinder betrachten, begegnen wir dem Menschen an sich, also auch uns selbst – hautnah.

Die Begegnung mit einem Gegenüber, dessen längerer und verweilender Anblick gesellschaftlich marginalisiert und verborgen bleibt, wo Wegsehen an der Tagesordnung, das Hinsehen ein Tabu darstellt, wird durch den Kontext der Fürsorge im häuslichen Raum entschärft und auch menschlich nahbarer. Wir sind eingeladene Zaungäste und dürfen näher kommen, sehr nahe.

Angesichts der Tatsache, dass „zwischen der Unsichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen und der geforderten Inklusion eine Diskrepanz herrscht“, wie Peggy Stahnke sagt, ist ihre Serie ein klares Statement. Künstlerisch. Nicht sozialpädagogisch.

Und natürlich tangiert Fotografie generell immer auch das Thema Scham. Die eigene, aufgrund unseres Blicks und die mögliche Scham des dem Blick ausgesetzten Gegenübers. Ein dem Medium innewohnendes Phänomen zwischen Kamera als handelndem Subjekt und dem Motiv als (nicht immer selbstbestimmtes) Objekt.

Diese Phänomene und der vermeintliche „Bruch“ mit Sehgewohnheiten durch diese außergewöhnliche Nähe stellt hier jedoch keinen voyeuristischen Übergriff dar, keine Einmischung, keine Zurschaustellung von ausgelieferten Schutzbefohlenen, sie ist der respektvollen Herangehensweise und enormen Einfühlung der Künstlerin geschuldet.

Diese offenbart sich in der Atmosphäre und Ästhetik der Bilder, in denen sich Grenzen zwischen dem Verborgenem (wie dem Geheimnis ihres Innenlebens) und des vermeintlich Vordergründigen von Andersartigkeit oder Abweichung, für sich sprechenden So-Seins spielt die Fixierung auf Beeinträchtigungen keine Hauptrolle (mehr). Vielmehr dringt der sich ganz natürlich nähernde, unaufgeregte Blick durch zum Wesentlichen: Dem Menschen in seinem individuellen Ausdruck und in seinem Wesen. Darüber hinaus lässt er durch diese Plattform liebevolle Perspektiven zu, die den Kindern in ihrer Privatheit vielleicht mehr Würde und Beachtung schenkt als es der öffentliche von Berührungsängsten oder Peinlichkeit geprägte Blick es könnte. Denn der ist viel zu fern und flüchtig.

Die Serie wurde erstmalig im Oktober 2019 im Atelierhaus 8 im Anscharpark Kiel präsentiert. Die Katalogdokumentation (herausgegeben von der Muthesius-Kunsthochschule Kiel) kostet 29 Euro:

Peggy Stahnke: hautnah. ISBN 978-3-948359-04-1

Zu beziehen über die Künstlerin unter info@peggy-stahnke.de, dem Buchhandel oder der Muthesius-Kunsthochschule: www.muthesius.de

Peggy Stahnke ist mit drei Bildern dieser Serie in der Landesschau des BBK Schleswig-Holstein vertreten, zu sehen vom 17.11.19 bis 23.2.20 auf Schloss Gottorf in Schleswig. Weitere Ausstellungen von hautnah sind geplant, darunter im Oktober 2020 in der Galerie artegrale der Stiftung Drachensee Kiel. Info und Kontakt: http://www.peggy-stahnke.de

 

 

 

 

 

 

Kein Gangsta zieht am Vangsta

 Ikonographie bei Ikea

Er ist wieder da. Alljährlich im Spätsommer segelt das schwedische Heiligtum der Häuslichkeit in unsere überfüllten Heime und präsentiert die neuen Trends im möblierten Miteinander. Wer oder was mit wem und in welcher Farbe? Sitzenliegenstehen? Praktischquadratischgut? Rund oder oval und zu welchem neuen Niedrigpreis? Der Ikea-Katalog ist der Seismograph moderner Befindlichkeiten und Bedürfnisse rund um Innovationen im Stapeln  und Stauen.

Längst schon steht nicht mehr das Sofa im Zentrum. War es neben dem Billy-Regal gefühlt der jahrzehntelange Dauerbrenner des Druckprodukts, wird im Post-Buch-Zeitalter 2019/20 auf dem Titel eine Bettgeschichte erzählt.

Noch wirkt es etwas ungelenk, wie das binationale Paar auf dem Titel sein Bed-In im Schlafanzug feiert, aber schon auf Seite drei ist klar: Keine Pressekonferenz im Zeichen von John Lennon und Yoko Ono. Diese polyglotte Begegnung soll frohes Erwachen in New York, Amsterdam oder Berlin suggerieren. Der Bettenkauf in Bergisch-Gladbach oder AirBnB in Altötting muss sich aber auch wieder lohnen. Zimmer sind out, Wände von gestern, die Kuscheloase ein keusch-kreativer Ort (Gitarre griffbereit steht frei im Raum. Wahrscheinlich im Arbeitsbereich.

„Wir haben einen Traum“ schreiben die Strategen des schwedischen Konzerns zur „Work-Life-Sleep-Balance“ und zwingen neben John und Yoko im Liebesnest auch noch Martin Luther-Kings Zitat vom Kollektivgedächtnis in die Knie. Träume sind nicht mehr politisch, das Private hat gesiegt. „Wir schlafen im Liegen“ möchte man da mit Loriot kontern.

Und weil sich bedeutungswandelnd alles mischt, ist der Ikea-Katalog ein Bilderbuch, das uns begleitet wie dereinst die Lindenstraße. Ikea ist wie Aldi, fester Faktor in der Ausnahme-Regel. Unser täglich Brot.

Gewissensfragen weggewischt (Wo ist das Sperrholz verleimt, das Insektizid für den Containertransport versprüht worden, naja, Hauptsache, es gibt weltweit Arbeitsplätze) vermengen sich gereifte Wohnträume und prekäre Lebensverhältnisse ikonografisch mit globalisierten PR-Gags zum lustigen Potpourri aus Klischees in Kulissen. Für Minimalisten und Messies. Viel Schnickschnack und Firlefanz gruppiert sich um wenig Neues, ein paar lustige Regälchen, eine Garderobe wie zu Omas Zeiten oder simples Rohr. Küche war selten so wenig.  Und das erste Sofa taucht auf Seite 190 auf.

Zunächst glänzt Billigtinnef zwischen Kerzenhaltern, Blechdosen und Kissenbezügen in Metalloptik, gleich gefolgt von Natur-Gedöns aus Flechtwerk, Trockenpflanzen und Sisalteppich. Bald ist Advent, Accessoires sind alles. „Handarbeit“ heißt es zum Körbchen namens Nordrana für Neunneunundneunzig. Das ist ein Drama aus Kunststoff, da wurde sich blutig gehäkelt. Alles ok in Bad und WC und gut dekoriert ist die halbe Miete.

Doch in all dem Magazin-Realismus, in dem sich vereinte Nationen fake-verliebt und familiär die Schubladen teilen, gibt es auch tolles Theater:

Schöne Slogans auf knalligem Kulissen in Grundfarben, die Einzelteile hervorheben. „Hochstapeln hat viele Vorteile“ heißt es da. Auch können Wände Löcher haben. Daraus gucken keine Mäuse, sondern Beine, die auf Mülleimer treten oder Arme, die Gegenstände drapieren. Motto: „Für alle, die gegen Unordnung allergisch sind.“ In drei Rottönen tritt ein bestickter Pantoffel das Pedal des Abfalleimers Toftan – Zwölfneunundneunzig. Später hebt ein grüner Hemdsärmel den Griff einer Wasserflasche (zwoneunundneunzig) an: „Für deinen Flüssigkeitshaushalt“. Da ist viel Mut zum Kitsch, da swingen die Sixties und zitieren cineastische Labor-und Raumfahrt-Ästhetik in Wackelpuddingfarben, nicht zwingend heterosexuell.

Liebe Ikea-Werber, das gefällt mir. Am besten gefällt mir der Spruch auf Seite 255: „Du brauchst mehr Platz? Dann zieh aus.“ Da sitzen Vater und Kind konspirativ am Tisch und sehen so richtig krank aus. Sonnengelb und Eigelb-Gelb sind Wände und Boden, ihre Rollkragenpullover in Senf, die Hosen orange und ganz schlimm die Schuhe in Dünnpfiff-Ocker. Das dunkelste ist die Brühe in ihren Gläsern, das traurigste ihre Gesichtsfarbe. Der größte Lichtblick der Szene ist der weiße Tisch. Modell Vangsta. Zum Ausziehen. Neunundsiebzigneunundneunzig.

Genialer Coup der Ikea-Strategen, denn diese vergilbten Gestalten, ein smarter Papa mit Stan Laurel-Lächeln und das fehlernährte Pubertier sind eine super Projektionsfläche: Vom sorgenden  Waldorf-Vati in Cord, der mit der hochbegabten Tochter alleinerziehend klarkommt, bis zum Psychopathen, der sein androgynes Entführungsopfer nicht länger lichtlos in Gewahrsam halten kann. Kamprad meets Kampusch quasi. Das ist doch mal ein Statement: In dieser WG tut bald nichts mehr weh. Wer zieht denn nun? Die Fäden, am Tisch, alle Register oder aus? Das ist schöner Stoff zum Träumen.

Foto/Ausschnitt: Ikeakatalog 2019/2020  S. 255

 

West-östliche Demut

Esther Kaiser tourt mit ihrem neuen Album

Songs of Courage

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Was für ein Bild. Vor kargem Grau den sanften Blick nach oben ins helle Licht gerichtet, so steht die Jazzsängerin Esther Kaiser in zeitlosem Schwarz-Weiß für eine hoffnungsvolle Herzensangelegenheit: Mut. „Songs of Courage“ heißt der Titel und zeigt sich auf dem Cover wie ein in Stein geritzter Schriftzug.

Verheißungsvoll fällt das Licht hier in die Tiefe und wer will, darf den Raum als Verlies, vielleicht aber auch als spirituelle Kammer deuten.

Und tatsächlich ist das großartige achte Album der „Jazzpoetin“ ein Aufruf, innere und äußere Begrenzungen hinter sich zu lassen.

Vielleicht auch die des Zynismus. Denn wenn es unter den 13 Songs ein Wiederhören mit „We shall overcome“ gibt, mag mancher, der die durchdringende Inbrunst von Joan Baez noch im Ohr hat, resigniert abwinken. Kalter Kaffee?

Nein. Protestsongs aus Pop, Folk und Fusion geraten bei Esther Kaiser und ihren kongenialen Begleitern zu wahrhaftiger Klang-Kunst. Dissonanzen schleichen sich ein, die allgemeine Schräglage der globalen Situation, Ton- und Rhythmusverschiebungen, das Resignative, das zähe Ringen um ein Miteinander fließt in jedes dieser starken Stücke ein. Und dennoch gibt es Aufmunterndes: Die Kraft und den Optimismus ihrer Stimme.

Esther Kaiser arbeitet neue Nuancen dieser Appelle heraus, spürt dem politischen Zeitgeist nach und trotzt den Abgesängen.

We shall overcome? Weit entfernt von Naivität klingt die historisch weitreichende Hymne der Schwarzen- und Friedensbewegung bei Esther Kaiser nicht mehr kraftvoll-visionär, sondern wie ein melancholisches Mantra. Rezitiert und repetiert wie ein liebevolles Nachtlied, mütterlich memoriert und ins Moll kippend, ein kleines Gebet der Dankbarkeit und große Gedanken an den Rest der Welt, dem es nicht so gut geht wie uns.

We shall overcome/we won’t be afraid/We shall live in peace.

Eingeläutet wird der Titel von knarzenden Cellostrichen, die suchend um den richtigen Ton zwischen west-östlichen Harmonien kreisen, umhüllt von den Dudelsackähnlichen Brummen der indischen Shrutibox, bevor langsam Kaisers klare Stimme einsetzt, sich beschwörend und auch schmerzvoll entfaltet und sich gemeinsam mit dem sägenden Cello in elegische Gesänge auffächert. Ja, da war etwas, das wir nie vergessen wollten und uns selbst immer wieder ein bisschen zwingen müssen, um dran zu glauben: Deep in my heart/ I do believe/ that we shall overcome/ some day…

Und auch der einstige Dauerbrenner: Where have all the flowers gone kommt später vor, hier als zart-verknappte Reminiszenz, als fernes Echo aus der (Flower-Power-)Vergangenheit, mit metallischen Gitarrenklängen, die dräuend über die Gräber der Gegenwart wehen. Zu pathetisch?

Das Stichwort Courage ist ihr schon in der Auseinandersetzung mit der Sängerin Abbey Lincoln begegnet, der die in Freiburg geborene Wahlberlinerin 2015 ihr letztes Album ‚Learning how to listen’ gewidmet hat.

Dann entstand durch ihre Professur für Jazzgesang an der Musikhochschule Dresden ein Impro-Projekt zwischen Studierenden und Geflüchteten und es ergab sich die Zusammenarbeit mit Hasan Al Nour, seines Zeichens Medizinstudent und virtuoser syrischer Kanun-Spieler mit absolutem Gehör, der in seiner Heimat Damaskus mehrere Bands geleitet hat. Und mit dem Iraker Cellisten Akram Younus Ramadhan Al-Siraj von der Dresdner Formation Banda Internationale.

Esther Kaisers Wunsch, sich zu gesellschaftlichen Themen durch das Medium der Musik zu Wort zu melden und „buchstäblich den Mund aufzumachen“, mündete gemeinsam mit Al Nour und Al-Siraj und ihrer Berliner Band (mit Bassist Marc Muellbauer, Roland Schneider (Drums) Pianist Tino Derado und Rüdiger Krause an der Gitarre) in 13 Songs. Von Bob Dylan bis Beatles, von Hanns Eisler über David Bowie bis zu Suzanne Vega, deren bekannte Botschaften von Freiheitsliebe, Fremdheit und Frieden sich hier neu interpretiert mit orientalischen Klängen verzahnen.

Zum magischen, teils dekonstruierten und neu durchdrungenen Ergebnis ist die Presse des Lobes voll:

„Esther Kaiser fordert Mut zur Begegnung“ schreibt Zitty Berlin, die FAZ lobt ihre „ruhige, aber spektakulär schimmernde Stimme“, Jazzthing lobt ihr „unorthodoxes Klangbild“ und die Märkische Allgemeine Zeitung feiert die emotionale Bandbreite ihrer Stimme als „betörend anders“.

Auf der Bühne bin ich in meiner Kraft“ erzählt die 44jährige, im Alltag sei sie zurückhaltender. Dass die zweifache Mutter ihren Gesangs-Studentinnen an der Musikhochschule Dresden klarmacht, dass man auf dem Weg zu einer „Künstlerpersönlichkeit“ eine eigene „Dringlichkeit“ entwickeln muss, überzeugt absolut und wer sie live in frisch-klarer Mittellage erlebt, spürt eine schnörkellose Gradlinigkeit und große Durchlässigkeit. Auf Spitzenniveau und fern jeglicher Selbstgefälligkeit lotet sie nuanchenreich die Variablen zwischen zarter Leichtigkeit und geerdeter Tiefe aus. Die aufrechte Haltung dahinter: Demut.

Im neuen Projekt gelingt Esther Kaiser und ihren kongenialen Begleitern eine Art Suite, ein feines west-östliches Klanggebilde aus Konfrontation und Überlappung, das mal in dissonante Mahnung, mal in harmonische Melange münden kann.

Angeführt von Bob Dylans Anklage an die „Masters of War“, bei die Klänge der Kanun, einer 63- bis 84saitigen orientalischen Zither mal wie klimatische, mal wie körperliche Schauer oder Spannungsmomente hereinwehen, geht es weiter über Michael Jacksons getragenen „Earth Song“, Chick Choreas Appell „Open Your Eyes, You Can Fly“ zum ersten melancholischen Einbruch mit: „Where have all the Flowers gone“. Kitschgefahr gebannt durch die konterkarierenden Kontraste von Rüdiger Krauses E-Gitarre.

Die vielzitierten „Register“, die hier zwischen Jazz, Rock, Pop und Singer-Songwriting gezogen werden, machen aus jedem der Songs eine weltmusikalische Klangskulptur, den teils verfremdeten Kern herausschälend und das Ohr herausfordernd, neue Facetten freizulegen.

So kann man Trump sei Dank neu verzweifelt den Kopf schütteln zu den autistischen Wechselrhythmen in der Bowie-Adaption „This is Not America“, spöttisch nicken zu den tänzelnd gesetzten Untertönen der „Revolution“ der Beatles und deren Aufruf „free your mind instead“ auch als Statement gegen den ganzen Stammtisch- und (Social-) Media Mülls verstehen.

Ach und wie steht es denn so mit der Gewalt um die Ecke, eventuell im eigenen Haus?

„Please don’t ask me how I am“ verbittet sich die geschlagenen Figur in Suzannes Vegas Hit „My name is Luka“ von 1987 und Esther Kaiser arbeitet die flehende Doppelbotschaft dieser Person, „living upstairs from you“ im kaum abgewandelten Original ganz subtil heraus.

Das Motto „Learning how to listen“ ihres vorigen Albums könnte auch hier Pate stehen, denn darum geht es: Musik nicht als Konsumstück, sondern künstlerischen Beitrag im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Erkenntnisgewinn. Schimpft noch jemand über die Allgegenwart von Handies, wenn sie den Emigranten Hanns Eisler mit seinem „kleinen Radioapparat“ durch den Äther schickt? Wer im Exil nichts mehr in der Hand hält außer „Sterne“, darf sich heute vielleicht daran klammern.

Im Herzstück des Albums, widmet sich Esther Kaiser in einer elegischen Eigenkomposition den Menschen auf der Flucht.

He ́s a wanderer between the worlds/ He knows a pain we fear to know/ He has seen things/ we don ́t want to se/ and he cried all the tears/ we ́re not willing to cry ourselves no no … we don ́t want to cry

So, wie sie dem „Wanderer between the Worlds“ ein Denkmal setzt, mal in der weiblichen, mal in der männlichen Rolle, entsteht zwischen leicht afrikanisch anmutenden Stimm-Loops, Daumenklavier und der Kanun und Kaisers orientalischen Klagetönen ein kulturenverbindender Klangkosmos, der unter die Haut geht.

Tourdaten: www.esther-kaiser.de

Esther Kaiser  – SONGS OF COURAGE

GLM  FM 234-2 / 4014063423429 / Vertrieb: Soulfood

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Schöner Schwingen

DotschyReinhardtDotschy Reinhardts neue CD: Chaplin’s Secret

Für die Wiederveröffentlichung seines Stummfilm „The Circus“ von 1928 schrieb Charlie Chaplin 1968 das Titelstück Swing Littel Girl und sang es auch selbst.

Bei Dotschy Reinhardt gibt es ein Wiederhören und wessen Auge bei diesem hinreißenden Walzer trocken bleibt, der ist aus Stein.

 

Swing litte girl,

swing high tot he sky

and don’t ever look

at the ground

If you’r looking for rainbows

Look up to the sky

You’ll never find rainbows

If you’re looking down

Das Licht der Welt soll Charlie Chaplin 1889 im Wohnwagen einer Artistin erblickt haben. Nicht in London, wie in seiner Autobiografie erwähnt, sondern auf einer Wiese namens Black Patch in Smethwick, auf der Romany People (also Sinti und Roma) und Schausteller kampierten. Dieses Geheimnis lüftete ein Brief, den Chaplins Tochter Victoria 1991 im Nachtschränkchen ihres Vaters fand.

Wenn die Sängerin Dotschy Reinhardt dem großen „Tramp“ Charlie Chaplin auf ihrer neuen CD die Ehre erweist, geschieht dies nicht nur als Musikerin, sondern auch in ihrer Eigenschaft als Menschenrechtsaktivistin.

Aufklärung, Anti-Diskriminierung und Aufruf zur Solidarität mit Minderheiten, so darf man das Engagement der Nachfahrin des legendären Gypsy-Swing-Gitarristen Django Reinhardt verstehen, die mit ihren Büchern „Gypsy: Die Geschichte einer großen Sinti-Familie“ und „Everybody’s Gypsy“ (Metrolit Verlag) auch als Autorin gelobt wird.

Auf dem vierten Album der Schwäbin kommen mit Eigenkompositionen und Standards wieder Ehrerbietung, mitreißende Rhythmen und stilles Entzücken zum Tragen.

15 Titel zwischen dem Opener Django’s Tiger und Save Your Goodbyes, auf denen die Wahlberlinerin mit  Roberto Badoglio, (E-Bass), Max Hartmann ( Double Bass), Alexey Krupksky und Alexey Wagner (Guitars) , Christian von der Goltz (Piano), Gast Nir Sabag (Drums) und last not least Daniel Weltinger (Violin) einen großen Bogen zwischen dem Hot Club Swing Django Reinhardts, feinen Singer/Songwriter-Gesang und Bossa Nova schlägt.

Mit ihrer weichen unprätentiös geführten Stimme, dessen Timbre teils an Annie Ross erinnert, verzaubert Dotschy Reinhardt mit Mädchencharme und leichtem Vibrato. Bescheiden und in einem natürlichen Sprechgesang gehaltenen Gestus, nachdenklich und beschwingt, hält sie eine wunderbare Waage zwischen Uptempo und Wehmut. Unverbraucht wirkt sie in allen Hommagen wie After I Say I am Sorry, Da Vinci’s Eyes oder dem wunderbaren Here Goes, aber auch ihre Eigenkompositionen sind berührend und sehr nah. Der Wechsel zwischen den Stimmungen, zwischen Englisch, Brasil-Portugiesisch und ihrer Hommage an die Sprache der Sinti und Roma in dem Stück Romanes macht dieses Album zu einem weiteren weltmusikalischen Schätzchen.

Wie schön, dass im Zeitalter optischer Dominanz, all dem Drängeln um Pose und Performance, die Konzentration auf das reine Hören bei Dotschy Reinhard stets verlässlich belohnt wird. Da darf auch mal eine minimale Brüchigkeit in der Intonation passieren, diese ehrliche Musik berührt mehr als jedes technisch gelackte Triumphieren. In diesem Sinne – Frohe Weihnachten.

 

Bestellnummer GMC079
Barcode 4250095800795
Label Galileo MC
Erschienen am 14.12.2018

 

 

Zwischen Abbild und Erscheinung

Die Fotokünstlerin Franziska Ostermann

Franziska Ostermann

 

Was ist? Was ist nicht? Wer bin ich? Weiß und weiß nicht.

So könnte man die Fragen  umreißen, die die Fotokünstlerin Franziska Ostermann aufwirft.

Konsequent in weiß gekleidet, bildet sie mit ihrer Erscheinung, ihren Arbeiten zwischen Fotografie und Text, zwischen Selbstporträts und Lyrik eine Einheit, die bei manchen schon den Begriff Gesamtkunstwerk evoziert. Mit 26 Jahren? Warum nicht.

Es läuft gut an für die Absolventin der Muthesius-Hochschule Kiel. Ihr Studium, 2012 in Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie begonnen bei Peter Hendricks sowie bei Oswald Egger in der Kiel 2011 neu geschaffenen Professur „Sprache und Gestalt“ fortgesetzt, hat sie gerade abgeschlossen.

Ihre Masterarbeit hat sie in Form eines Gedichtbandes abgelegt: OSZIT wurde in 300er Auflage von der Muthesius-Hochschule herausgegeben (ISBN 978-3-943763-76-8) und liegt in ausgewählten Buchhandlungen aus.

Durchgestrichene
Worte kann
sie nicht leiden: Sie
sehen oft gequält aus
Es ist ohnehin müßig
etwas
an einem Ort zu erschießen
an dem es gar nicht ist.

Eine Graduiertenförderung in Form eines zweijährigen Atelierstipendiums im Kieler Anscharpark in der Tasche, kann sie ihre ersten Schritte in die Selbstständigkeit als freie Künstlerin erstmal ohne Existenzsorgen machen.

Die Liste mit Ausstellungsbeteiligungen und Lesungen, Auszeichnungen und Publikationen in den letzten vier Jahren ist bereits beachtlich.

 

Allein im Jahr 2018 ist sie auf der Photokina Köln, den Foto-Reflexionen 06 in Brunsbüttel und auf verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland vertreten, erhielt den New Talent Award 18/1, vergeben vom Magazin ProfiFoto und Canon.

Auf der Landesschau des BBK Schleswig-Holstein hat Franziska Ostermann für ihre Arbeiten aus der Serie White Lettering den Förderpreis des Kunstvereins Flensburg erhalten.

Diese waren bis Ende November zeitgleich auch auf ihrer Einzelausstellung namens Bild Wort Zeit Raum auf Gut Wittmoldt bei Plön zu sehen:

White Lettering 5

Auf großformatigen Fotografien blickt Franziska Ostermann dem Betrachter entgegen, wie aus dem Nichts erscheint sie vor weißem Hintergrund in Weiß gekleidet den Seiten eines Modemagazins zu entspringen. Bei näherem Hinsehen erweist sich der diffuse Schleier, hinter dem sie in verschiedenen verhaltenen Posen wie durch Schneetreiben verborgen bleibt, als schwungvolles Geflecht weißer Acrylfarbe, mit der sie die Fotoprints mit Schreibschrift überzogen hat. Nur sporadisch lesbar, ein kryptisch kreisendes Wirrwarr aus Worten, die sie semitransparent wie Maschen bedecken, schützen oder auch hervortreten lassen.

Das geht schon ein bisschen hinaus über Effekte mädchenhafter Selbstbespiegelung, die man ihr auf den ersten Blick unterstellen könnte, vor allem, wenn man ihre Serie FRIRN von 2016 hinzuzieht.

Hier verbindet sie jeweils zwei Selbstporträts zu einem Bild, das mit Doppelung und Dialog spielt. Einerseits ist sie sich selbst gegenübergestellt: Als Fotografin am Auslöser und als Abgebildete, als Objekt. Sie spiegelt sich als Betrachtende doppelt und spielt mit Begriffen wie Spaltung, Doppelung, Wandlung und Wiederholung.

Es ist eine Begegnung mit sich selbst.

Wo fängt Erkennen an, wo das Befremden?

 

Den Vor-Urteilen der Generation selfie und einem medial überreizten Zeitgeist mit seinem Oberflächenblick hält sie den Spiegel vor und entzieht sich unaufgeregt den reflexhaften Fragen der BetrachterInnen nach Attraktivität und formaler Ästhetik. Hübsche Blondine posiert ein bisschen? Wer sich bei diesem Urteil ertappt, ist gleich in medias res und wird zur Abstraktion aufgerufen. Zum Verhältnis zur eigenen Wahrnehmung, der Wesenhaftigkeit des Darstellbaren, auf das Wechselspiel von Innen und Außen, den Grad an Erkenntnismöglichkeit oder auch –fähigkeit. Dass ein neutraler Blick unmöglich ist, dämmert dann bald. Und schon ist man drin im Denkprozess.

Franziska Ostermann hat sich natürlich mit Medientheorie, phänomenologischen und philosophischen Fragen befasst. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein steht im Zentrum ihrer Arbeiten, in denen sie die Dimensionen von Raum und Zeit thematisiert.

„Das fotografische Selbstporträt bietet mir die Möglichkeit, mir selbst zu begegnen. Im Akt des Auslösens bin ich von mir durch die Kamera getrennt, gleichzeitig zwei. Die Aufspaltung von Raum und Zeit, die die Dualität meines Ichs erzeugt, wird in der Komposition der Bilder aufgenommen und thematisiert. Die simultan wahrgenommenen Bildelemente verbinden andernfalls durch die Zeit getrennte Ansichten.

Das Fließen der zeit tritt in der räumlichen Verdichtung des Bildes in den Hintergrund.

Das Wort bildet den Gegenspieler, ergänzt und konterkariert das Bild, macht den Fluss der Zeit erfahrbar.

Ich stelle mich in den Diskurs beider Medien und rufe sie zum Wechselspiel auf, um mich darin zu finden.“

Dies wird auch in ihren Wortschöpfungen deutlich. Die Serie FIRN (im Eingangsbild ganz oben zu sehen) spielt auf Firnschnee an, die Bildserie ANEN lässt an Ahnen denken und ist dem Frühneuhochdeutschen entlehnt, das „jemanden überkommen, jemandem zustoßen“ bedeutet. In der 2016 entstandenen Schwarz-Weiß Serie ANEN stellt sich Franziska Ostermann ihren Vorfahren gegenüber, indem sie aktuelle Aufnahmen von sich in das Setting der historischen collagiert.

Franziska Ostermann ANEN Der Ausflug - The Trip web

Sie thematisiert die Rolle der gegenwärtigen Geschichtenhörerin und macht sich zum optisch eingearbeiteten Zaungast der Vergangenheit, der sie als Zeitreisende beiwohnt. Das kennt man aus analogen Collagen von Kubismus, Dada und Co., dennoch ist sie damit wiederum sich selbst im Zeit-Raum-Kontext, dem Begriff des Betrachters und Voyeurs in der Zeit-Raum-Brechung auf der Spur. Hierbei vergrößert sie einzelne Köpfe oder Körper, stellt ein Kleinkind auf Augenhöhe mit Erwachsenen, integriert sich als Besucherin in Gruppen, gegenüber oder abgewandt.  So kommentiert sie den Erzählvorgang Dritter und visualisiert die eigene Empfindung oder Erinnerung der Vergangenheit. Formal, in dem sie eine Veränderung am Foto vornimmt und damit inhaltlich die fragmentarischen Versionen von Geschichte(n) korrigiert und konterkariert.

ANEN

Seit 2015 schreibt Franziska Ostermann und greift auch in ihrer Lyrik Zwischenzustände auf. Hier geht mit viel Lust an Syntax-Experimenten und Neologismen in einen kritischen Dialog mit sich selbst, um ein durchaus auch intuitives Konzept ausfindig zu machen. Wiederum ein Wechselspiel aus Abstand und Nähe, Innen und Außensicht.

ENT, ZWEI
es ist mir so
galant ent
zweit
was einmal eins
und niemals weilt
in zwei Richtungen
mir entlaufen

 

TREU
legt der Tau
seine Tränen zu bette
und trunken sich selbst

 

Dass Franziska Ostermann sich ausnahmslos  in Weiß kleidet und einrichtet, erscheint fast schon folgerichtig.

Weiß habe je nach Kultur unterschiedliche Bedeutungen, sagt sie. Bedeute es bei uns Reinheit, Frieden und Unschuld, ist es im asiatischen Raum eher mit Tod und Trauer konnotiert. Für sie ist es mit Ruhe verbunden und bildet eine „Leerstelle im hektischen Alltag“.

Wer ihre Arbeit „Photons“ I-XV“ von 2017 betrachtet, erhält weitere Aspekte einer Ahnung dieses konsequenten Konzepts.

15 Selbstporträts in etwas mehr als Din A 4-Format zeigen bei hohem Lichteinfall eine Figur vor hellem Hintergrund, Kopf, Haare, Hände wie in Gegenwehr in Bewegung, ein Lichtbad, in dem sie zu ertrinken scheint. Die Überbelichtung durch starken Sonneneinfall teilt das „Weiß“ in verschiedene „Farbflächen“ auf und lässt Konturen verschwinden, verändert Strukturen im Bild.

Photons XIV

 

Ein Aufscheinen und Auslöschen zugleich, in das sich die Künstlerin stellt. Das sind keine Inszenierungen, eher das Aufspüren von fotografischen Prinzipien und Phänomenen zwischen Technik und Philosophie. Wenn sie den französischen Fototheoretiker Michel Frizot zitiert, der sagt, dass „die einzige Realität, zu der die Fotografie Zugriff hat, ist das Licht“, kommt man ihrer Erscheinung ganz in Weiß ein Stückchen näher.

 

Dazu Franziska Ostermann: „Die Bilder zeigen Splitter, Bruchteile einer Situation. Kann man sie von hier aus vervollständigen, eine neue Situation schaffen?“

 

Interessante Fragen, die die erklärte Ästhetin sich und uns da stellt.

Für den Moment, in dem zwei Faktoren aufeinandertreffen: Licht auf Linse, Bild und Betrachter und im schnöden Alltag: Mensch und Mensch einander gegenüber. Subjekte, Objekte und jede Menge Photonen und Projektionen.

Dass Franziska Ostermann mit ihrer Arbeit eine Einheit bildet, erscheint insofern folgerichtig. Man darf gespannt sein, wie es mit der Frau in Weiß weitergeht.

 

Termine:

 

Ausstellung MIX, Kunstverein Haus 8
Opening 14.12.2018 18 Uhr, Anscharpark Kiel
15.12.2018-20.01.2019

Ausstellung des Dänischen Kunstvereins Flensburg Sydslesvigs danske Kunstforening (SdK)
Opening 17. 01.2019 – 9. 2. 2019
Dänische Bibliothek Flensburg

Franziska Ostermann am Literaturtelefon der Stadt Kiel

24.12. bis 6.1. 2019 Tel. 0431-901-8888 oder

www. literaturtelefon-online.de

Fotos: mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin.

www.franziskaostermann.de

Photons XIII

 

 

 

 

 

 

 

 

Gib dem Affen Puderzucker

 

 

Alte Kamellen – neue Scheibe

Götz Alsmann tourt wieder mit der SWR Bigband

Wenn Schlager und Swing spaßig verschmelzen, kann es sich nur um einen handeln:

„Götz Alsmann, meine Damen und Herren!“

Ob der Mann mit der tollen Tolle sich selbst morgens im Badezimmerspiegel auch so euphorisch begrüßt wie seine Gäste und Bandsolisten?

Ach, völlig wurst, ob es einen Morgen gibt. Anzugträger wie er sind für die Zeit ab Nachmittag geboren. Für Eleganz und Galanterie, für Tanztee und die von allem Nachkriegsmief bereinigte Träumerei dieser gern verklärten „guten alten Zeit“, in der sich Kompliment auf „dezent“ reimt und man (schöne )Frauen zum Rendez-Vouz auch mal „Kommst du mit auf einen Mokka“ fragen kann. Die Steigerung von all dem heißt dann „Eventuell“, seinerzeit mit Peter Alexander und Caterina Valente geträllert, und ob so eine Tändelei sich letztlich im Taunus oder in Tötensen abspielt, ist eigentlich egal. Schöner wär’s natürlich, Eine Nacht in Monte-Carlo würde wahr: „wie schön das ist, wenn man eine küsst, die man nie vergisst“. Tempi passati.

Seit zehn Jahren ist „Götzi“ Alsmann mit der SWR Bigband unterwegs und legt vier Wochen vor Weihnachten ein Scheibchen mit Ausschnitten vergangener Konzerte vor, um auf die Tour 2019 einzustimmen.

16 Perlen funkeln hier der Besinnlichkeit unter Tannenzweigen entgegen, für manche ja auch der Auftakt zur Ballsaison. Party geht aber auch.

Denn Götz Alsmann als Couch Potato erleben, das macht keinen Sinn. Der Mann ist zu mitreißend und seine Auftritte mit Band sind immer das ungebremste Eintauchen in den reinen Spaß, gute Laune und Lebenslust: Tanzfreudige Nostalgie mit Augenzwinkern. Foxtrott und Chachacha, eine Prise Rock’n Roll und ein Quickstep, dazu die kehlige Stimme des Entertainers, der von 1996 bis 2016 in 694 Sendungen neben Moderationspartnerin Christine Westermann in der Show „Zimmer frei“  ein so beliebtes wie verspieltes Format im WDR-Fernsehen wuppte.

Dort glänzte er als eloquenter Vertreter alter Schule mit Sportsgeist, Schlagfertigkeit und Selbstironie rasant zwischen Esstisch-Interview, Bilder-Rätsel und als Mann am Klavier, der seinen Gästen hemmungslos Hausmusik abtrotzte.

Nun wieder großer Bahnhof mit der bewährten SWR-Bigband, deren Solisten Alsmann so freudig vorstellt wie seine Showgäste. „Hier ist der alte Hausfrauenbetörer“ sagt er etwa über den Trompeter Felice Civitareale.

Immer souverän, nonchalant und lässig routiniert. Alsmann trumpft nicht auf, sondern stellt sich mit seiner markigen Stimme bescheiden in den Dienst der Sache. Aber mit Stil bitteschön. Und dabei wirkt er immer so, als schüttele er seine Jazzlaune einfach aus dem Ärmel.

Vom Opener „Wenn ich in Stimmung bin“ über den Chachacha „Ein kleiner Bär mit großen Ohren“ bis zum subtilen „Was die kleinen Mädchen singen“ gleitet, raunt, kokettiert und schmiert er durch die Texte und Melodien, verliebt „Bisansendederwelt“.

Unter der Leitung von Klaus Wagenleiter glänzt die Bigband mit fein tarierten Rhythmen und akzentreichen Bläserarrangements und chorischen Echos,  der Ausflug zwischen Bossa, Rumba und Quickstep, wird getoppt vom Duett mit der Stuttgarter Sängerin Fola Dada im Titel gebenden „Eventuell…“.

Alsmann tickt alles mit Verve und Schmackes an, ohne sich in Kitsch oder Parodie zu ergehen. Er ist nun mal der Schlangenbeschwörer vergangenen Flairs, verbeugt sich tief vor den Formen, die er nicht nur nachzeichnet, sondern auch ein bisschen neu schraffiert. Gerade mal so wie ein zauberhaftes Bestäuben mit Puderzucker. Dafür braucht es nichtmal Honig in der Kehle, sondern: Haltung.

Jener Funken Wehmut, eine Prise Witz, so muss auch dieses Wiederhören neu betören.

Aber was soll das ganze Salbadern – Hören Sie selbst:

Götz Alsmann, meine Damen und Herren!

 

Götz Alsmann und die SWR Big Band: Eventuell…

VÖ 23.11.18 19.99 Euro EAN: 4251422800389 Label: ROOF Records

http://www.roof-music.de

 

 

Warum wir Zauber(er) brauchen

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Tazio Torrini taumelt in „Der Illusionist“ durch ein Endzeit-Szenario  Fotos: Marco Ehrhardt

Kiel. Manchmal kommt man im Theater zu den Grundfragen zurück.

Warum versammeln sich hier Menschen, um einen anderen Menschen auf kleinem Raum Dinge tun zu sehen? Ihn etwas behaupten, ihn sprechen und agieren zu hören, herumrührend in Requisiten, uns mit lauten Geräuschen konfrontierend und das alles in einer Sprache, die nicht immer verständlich ist?

Es ist ganz einfach. Weil wir diesen Zauber, diesen Zinnober, diesen Zirkus brauchen. Weil es so furchtbar faszinierend ist. Weil wir nun mal gern Menschen anschauen. Live. Sinnlich erlebbar, atmosphärisch spürbar. Weil wir neugierig sind . Auf Bilder, auf Körper, auf Seelen. Hoffentlich auch immer auf unsere eigene, für die ja bei einem Festessen statt Fastfood auch immer ein Stückchen abfällt.

Es ist zum Beispiel das kompakte Stündchen Fremdsprache plus Bildersturm, das der Italiener Tazio Torrini im Schauspielhaus-Studio am Donnerstag Abend zum Besten gab.

Es sind die zwei Müllhaufen von Kleidung, links Klamotten, rechts Schuhe, hinter denen er als dubioser Magier zur dissonanten Kakophonie aus Dröhnen, Laustsprecherdurchsagen und schrillen Flötentönen hervorkriecht.

Ein Absperrgitter im Hintergrund, das auch über ihm schweben könnte, denn er ist als durch den Rost  in den Untergrund Gerutschter, ein im Unrat Vergessener der Zivilisation, der sich hier versteckt oder auf der Flucht ist.

Es ist seine Bühnenpräsenz und Suggestion, das expressive Stakkato des Italienischen und seine permanente Bewegung, die nur selten zum Stoppen kommt, die diese Szenenabfolge reizvoll macht.MEF_7481

„Ich hab kaum etwas verstanden, aber es war gut gespielt“ sagt eine Seniorin im Schlussapplaus zu ihrer Nachbarin. Hie und da wurde auf die Uhr geguckt, Pastillendosen gezückt, ein bisschen mit sich gekämpft. Wer wollte, konnte das Infoblatt überfliegen, mit dem die elf Szenen fragmentarisch zusammengefasst wurden.

Doch ist das wirklich wichtig?

Die Suggestion einer postapokalyptischen Szenerie stellt sich durch Musik und Kulisse ein, die Panda-Maskierung dieses Untoten lässt schon ahnen, dass hier die Sonne lange nicht mehr schien.

Doch interessanterweise ist die „Story“, um die es vielleicht ging – Fleischressende Schmetterlinge, Gehirnwäsche, stinkende Schnecken und ein riesiges Geschöpf, das sich wie Regen auf die Stadt legt – auch mit der subjektiven Story verknüpfbar, die sich parallel dazu in den Köpfen des Publikums weiterspinnt.

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Torrinis Spiel und sein Sprachfeuerwerk sind so hochsportiv, das von Langeweile nicht die Rede sein kann. Seine gequälte Kreatur entfaltet sich wie im letzten Aufbäumen vom verängstigten Obdachlosengespent in Unterhose zu einem Derwischartigen Magier, der eingangs und am Ende nochmals, versucht, vor dem zunehmend panisch bezirzten Publikum mit Zaubertricks zu punkten, die nicht gelingen wollen. Abgehalftert hetzt er, sich ständig umziehend von Figur zu Figur und lässt schaurigen Showglamour aufblitzen, verwandelt sich in einen Läufer, der nicht aufhören kann, endlos auf der Stelle tretend, im permanenten Monolog, sieht mit kappenartiger Plastikperücke wie eine Mischung aus Playmobil-Fratze und Willem Dafoe-Fiesling aus, ein androider Einflüsterer, der Gehirnwäsche anpreist. Immer wieder versucht er zu tanzen, wie um sich an die Mechaniken vergangener Lebensfreuden zu erinnern, repetiert zwischen Laufen, Tanzen und Unterhaltungs-, Werbe- und Propagandaworthülsen, ein Sysiphos im Müll, dem der Zugang zur Welt abhanden kam.

Kein Problem, im verzweifelten Entertainer, der gehetzten Gestalt und dem vor drohenden Unheil Fliehenden, den Torrini mit bravourösem Eifer eine Stunde lang wie nebenbei durch seine Wortkaskaden treibt, Identifikationsmöglichkeiten und Verweise auszumachen.

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Auch sein akustischer Einsatz eines ferngesteuerten Spielzeugpanzers gelingt trotz oder vielleicht gerade wegen des penetranten Wehklagens über dessen Erlahmen virtuos. Das ganze Szenario als zugespitzte politische, soziale und ökologisches Horrorvision vom Ende der Zivilgesellschaft, vielleicht in Europa, vielleicht weltweit, macht neugierig auf den Autor des Stücks, den rumänisch-französischen Schriftsteller Matei Visniec, der mit seinem „Theater des Zerfalls“ laut Programmheft den „entwürdigenden Zustand des seelischen, körperlichen und sozialen Verfalls abzubilden“ versucht.

Von Tazio Torrinis Spiel bleibt einiges haften, vielleicht gerade durch ein nicht hundertprozentigen Sprachverständnis schärft er ästhetisch den Blick für die Dauerbeschallung durch erbarmungslose Phrasen im medialen Alltagswahnsinn, der auch im „Uns geht’s ja noch Gold“ – Routine lauert:  Der Groteske des Konsums. Auch dem von Unterhaltung.

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